Anima/Animus

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Dante mit seiner Seelenführerin (Anima) Beatrix; Darstellung aus dem 14. Jahrhundert

Die Begriffe Anima / Animus sind einige der zentralen Begriffe aus der Analytischen oder Komplexen Psychologie Carl Gustav Jungs, die die moderne bzw. Psychologische Astrologie mit geprägt haben.

Animus /Anima sind, besonders in der Partnerschaftsastrologie häufiger verwendete Begriffe, bei denen es um die inneren, archetypischen (Such-)Bilder zum jeweils anderen Geschlecht geht. Animus meint dabei unser inneres bzw. das weibliche Suchbild bzw. Seelenbild [1] - den inneren Archetypus - vom (jungen) Mann, Anima entsprechend den inneren Archetyp der (jungen) Frau in jedem Mann, das Suchbild, welches er unbewusst in sich trägt. Anima-Archetypen sind z. B. die Geliebte, die Hure, das schlichte Gänschen [2], die Jungfrau. Animus-Archetypen sind z.B. der Raubritter, der Krieger, Pan oder Apollo.

Das Bild hat mit der realen Partnerschaft häufig allerdings wenig gemein. Es wird von Vorstellungen geprägt, die aus einem unbewussten Stadium stammen (frühkindlich, vorgeburtlich oder gar aus früheren Inkarnationen). Zum Wachstumsprozess des Menschen gehört es, sich über diese Vorstellungsbilder klar zu werden und sie bewusst in eine Partnerschaft zu integrieren.
"Die Anima verkörpert alle weiblichen Seeleneigenschaften im Manne, Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale, persönliche Liebesfähigkeit, Natursinn und als Wichtigstes die Beziehung zum Unbewussten" (Franz, in Jung 1968, S. 177). "Der sozial ,starke Mann' ist im Privatleben öfters ein Kind seinen eigenen Gefühlszuständen gegenüber, seine öffentliche Disziplin (die er ganz besonders von den andern verlangt) wird privat jämmerlich zuschanden" (Jung 1933, S. 87). Im Positiven bewirkt die Anima-Figur, dass der Mann "überall im Halbdunkel des Unbewussten, wo sein Verstand weniger klar sieht, die richtigen Werte und Unwerte unterscheiden kann. Noch lebenswichtiger ist aber, dass ihm diese Gestimmtheit auf die richtigen Werte den Weg in die eigene Tiefe freigibt [...]. Dann erreicht die Anima die Bedeutung einer Führerin nach innen" (Franz, in Jung 1968, S. 183).
Sie ist buchstäblich die Frau im Manne, sein inneres Weibliches. Sie bringt unverständliche Launen, macht sentimental, labil und übersensibel, reizbar bzw. depressiv. Sie übertreibt gerne, ist vielgestaltig, schillernd, eine rätselhafte Sphinx, und dient als Grundlage von Liebesanziehung und -verstrickung (beim "Verlieben") - wobei (in der Projektion) üblicherweise Äußeres und Inneres verwechselt werden bzw. bei der Frauenwahl unbewusst die eigene Schwäche (Ergänzung!) gesucht und angezogen wird. Im Lebensverlauf wird der Anima-Archetyp zuerst auf die Mutter übertragen; danach sind es Frauen, die das (irrationale) Gefühl ansprechen. Sie wird idealisiert, verehrt, und verflucht; sie erscheint als Fee, Nixe, Prinzessin, aber auch als Hexe und Hure. Sie produziert Verwirrungen im Verhältnis zur Welt, fordert eifersüchtig ihre Abtrennung von außen (u.a. von der realen Partnerin), wünscht ihre eigene Anerkennung, dass eine Beziehung zu ihr hergestellt wird - was für den Mann hieße, auf sein Inneres zu achten. Dann wird sie zu seiner hilfreichen Begleiterin und Inspiration, dann erfüllt sie ihre eigentliche Funktion - nämlich als Mittlerin zum Selbst (dem zentralen Archetyp) und ermöglicht so erst wirkliche, unverzerrte - und nicht mit falschen Erwartungen überfrachtete - Beziehungen.
Der Archetyp der Anima durchläuft vier Entwicklungsstufen: vom Frauenbild der nährenden Eva zur betörenden Helena, von der angebeteten Maria zur weisen Sophia.

"Wie die Anima Launen, so bringt der Animus Meinungen hervor [...]. Die Animus-Meinungen haben sehr häufig den Charakter von soliden Überzeugungen, die nicht leicht zu erschüttern, oder von Prinzipien, die anscheinend unantastbar gültig sind". "Der Animus ist etwas wie eine Versammlung von Vätern und sonstigen Autoritäten, die ex cathedra unanfechtbare, ,vernünftige' Urteile aufstellen". "Animusmeinungen sind stets kollektiv und übergehen Individuen und individuelle Beurteilung, genau so wie die Anima mit ihren Gefühlsantizipationen und -projektionen sich zwischen Mann und Frau stellt" (Jung 1933, S. 101f.). Aber auch der Animus hat positive Seiten, denn wenn die Frau ihn bewusst assimiliert, "verwandelt er sich in einen ,inneren Gefährten' von höchstem Wert, der ihr positive männliche Eigenschaften, wie Initiative, Mut, Objektivität und geistige Klarheit verleiht" (Franz, in Jung 1968, S. 194).
Er ist der Mann (Geist, Logos) in der Frau, ihre Intuition. Als nicht integrierter, autonomer Komplex ("Denkteufel") hat er jedoch viele Stimmen, besteht er aus aufgesetzten (vom Gefühl abgekoppelten) Meinungen, aus absoluten, festen Prinzipien, unhinterfragten Überzeugungen. Empirisch (in Träumen, etc.) erscheint er meist in der Mehrzahl: als Rat der Ältesten, Versammlung von Autoritäten. Er ist das große Vorbild, der Märchenprinz, der Held, Retter und Erlöser - aber auch der Unterdrücker und Dämon, ein Ungeheuer, Zauberer, Heiliger und Prophet (dies sind allesamt Bilder, die von einer Frau auf potentielle Partner projiziert werden). Positiv (am rechten Platz) gelebt, gibt er Frauen Ideen, Mut und Initiative, ein angemessenes Urteil bzw. Unterscheidungsvermögen. Wie die Anima des Mannes ist er ein Vermittler zwischen Ich und Psyche, soll er nach innen gewendet werden, sich als eine Art Seelenführer auf unbewusste Inhalte konzentrieren, diese näher beleuchten (fokussieren), erforschen bzw. auf den richtigen Begriff bringen.
Seine vier Stufen sind (ähnlich wie bei der Anima): körperlich - romantisch - geistig - weise.

Astrologie und Horoskope

Allgemein geben die so genannten weiblichen bzw. männlichen Planeten (Polarität) Auskunft über die Anima-Animus-Vorstellungen, in den jeweiligen Geburtshoroskopen fallen die inneren Suchbilder entsprechend verschieden aus.

Der Animus im Horoskop der Frau wird meist - etwas verkürzt - nur mit dem Geburts-Mars identifiziert, jedoch auch von der Sonne abgebildet und von der Haus- und Zeichenstellung sowie von Aspekten zu beiden Planeten geprägt. Werden diese zum Beispiel von Stier-Qualitäten bestimmt, sucht sie einen stabilen, sinnlichen und materiell gut ausgestatteten Partner, auf den sie sich immer verlassen kann. Bei einer Löwe-Prägung der männlichen Planeten sehnt sie sich bewusst oder unbewusst nach dem strahlenden Helden, den sie bewundern kann. Spannend wird die Partnerschaftsastrologie, wenn z. B. der Geburts-Mars einer Frau nicht ansatzweise mit der Geburts-Sonne korrespondiert. Ein Widder-Mars verkörpert den Archetyp des jungen, rücksichtslosen Draufgängers, des Raubritters. Eine Sonne im Tierkreiszeichen Krebs dagegen den Archetyp des Familienvaters. Mitunter wird es einer Frau und Partnerin mit Widder-Mars und Krebs-Sonne im Horoskop, vielleicht nicht ganz gelingen, den realen Mann jenseits ihres eigenen Animus-Archetyp wahr zunehmen.

Die Geburts-Venus samt ihrer Haus- und Zeichestellung sowie den Aspekten verkörpert - neben dem Geburts-Mond - dagegen das innere Anima-Bild im Horoskop eines Mannes. Eine Widder-Venus im Geburts-Horoskop bildet eine wesentlich andere Anima ab, als z.B. eine Fische-Venus. Ist diese - als weiteres Beispiel - skorpionisch geprägt, sucht er zumindest unbewusst eine leidenschaftliche Frau mit Tiefgang, die mit den Abgründen des Lebens vertraut ist. Überwiegen dagegen die Zwillinge-Energien, sehnt er sich nach einer aufgeschlossenen, leichtfüßigen, intellektuellen Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist und sich mit ihm stets Neuem öffnet. Zwei sehr verschiedene Archetypen sprechen ebenso verschiedene Frauentypen an. Zu beachten bleibt also bei der Gesamtdeutung, ob z. B. Venus und Mond sich ergänzende Anima-Archetypen abbilden, genauso Mars und Sonne. Die Hauspositionen der Planeten sind vermutlich von einiger Bedeutung für die Animus-/Anima-Bilder.

Besonders bei älteren Generationen kann - vielleicht im Rahmen tief verankerter traditioneller Vorstellungen und frühseelischer Erschütterungen - manchmal die Anima des Mannes sehr dauerhaft in Form der weiblichen Mond- und Venus-Qualitäten als Quasi-Schatten auf die Partnerin projiziert werden. Umgekehrt kann dies gelegentlich sehr langfristig mit dem Animus der Frau in Form der auf den Partner projizierten männlichen Sonnen- und Mars-Qualität geschehen.

Literatur

  • Jung, C.G.: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, Zürich 1933
  • Jung, C.G.: Der Mensch und seine Symbole, Olten 1968
  • Claremont de Castillejo, Irene: Die Töchter der Penelope, Olten 1979 (über den Animus bzw. das weibliche Seelenleben)

Quellen und Anmerkungen

  1. Ludwig J. Pongratz: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie. Stuttgart 1983, S. 352
  2. Pongratz, S. 353
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