Sensitiver Punkt
Synonym: arabischer Punkt
Ein sensitiver Punkt im Horoskop ist ein Deutungsfaktor, der als energetisch wirksam gilt, obwohl an der entsprechenden Stelle im Horoskop kein Himmelsfaktor steht. Es werden die individuellen und mundanen sensitiven Punkte unterschieden.
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Individueller sensitiver Punkt
Ein Punkt im Horoskop, der aus der Position zweier Planeten sowie des Aszendenten oder des Medium coeli errechnet wird. Die Auffassungen darüber, ob bei der Berechnung ein Unterschied zwischen Tag- und Nachtgeburten gemacht wird, gehen auseinander.
Im weiteren Sinn werden auch andere Punkte im Horoskop als sensitiv bezeichnet, beispielsweise Lilith, die Mondknoten oder der vorgeburtliche Neumond. Auch Aszendent und Medium coeli sind sensitive Punkte.
Die sensitiven (arabischen) Punkte geben Auskunft über bestimmte allgemein gültige Themen im individuellen Horoskop. Die bekanntesten sind:
Berechnung: Für die Berechnung (Näheres dazu unter den einzelnen Stichworten) muss man die Gradzahl eines Zeichens in die absolute Gradzahl umrechnen, ausgehend von 0 Grad Widder. So entspricht ein Aszendent auf 9 Grad Löwe 129 Grad, eine Sonne auf 4 Grad Stier entspricht 34 Grad und ein Mond auf 6 Grad Wassermann entspricht 306 Grad.
Beim Glückspunkt beispielsweise muss (im Falle einer Taggeburt) die Mondposition zu derjenigen des Aszendenten gezählt und die Sonnenposition wiederum davon abgezogen werden. Das ergibt in diesem Beispiel 401 Grad. Da der Tierkreis nur 360 Grad umfasst, muss diese Größe wieder von dem Ergebnis abgezogen werden. So lautet das Endergebnis 41 Grad. Dies wiederum entspricht 11 Grad Stier.
Arabische Punkte in der englischsprachigen Astrologietradition
Im englischsprachigen Raum gibt es eine relativ ungebrochene Tradition bezüglich der sensitiven Punkte, da einige Werke arabischer und lateinischsprachiger Autoren aus dem Lateinischen schon vor sehr langer Zeit ins Englische übersetzt wurden, z. B. Guido Bonatus und Al Khayyat. Eine vergleichbare Übersetzung in die deutsche Sprache fand nicht statt. Allerdings fand in englischsprachigen Astrologie in den letzten Jahrzehnten eine Inflation der sensitiven Punkte statt, da viele Autoren dazu übergegangen sind, nicht nur die Planeten zu den Haupt-Kardinalpunkten Aszendent und Medium coeli ins Verhältnis zu setzen, sondern auch Herrscher und Zwischenhäuserspitzen sowie die anderen Kardinalpunkte Deszendent und Imum coeli. Hierdurch wird zwar die Vielfalt der möglichen Aussagen sicher größer, jedoch auch beliebiger, da sich so immer ein passender sensitiver Punkt findet um jedes beliebige Ereignis begründen zu können.
Die Webseite List of Arabic Parts von P.F. Anderson enthält eine äußerst ausführliche Liste von fast 400 sensitiven Punkten, mit genauen Literaturangaben (siehe 'Sources') und Erklärungen zur Berechnung (auf Englisch).
Sensitive Punkte nach Armin Wodan
Diese Zuordnung der sensitiven Punkte durch Armin Wodan [1] beruht auf einer Erweiterung der klassischen Punkte. Nicht nur hat Wodan auch Uranus und Neptun berücksichtigt (Pluto war damals erst frisch entdeckt), vielmehr hat er auch eine Differenzierung vorgenommen, je nachdem in welchem Element der Punkt steht.
Die Anwendung der Punkte soll nach Wodan nicht nur auf das Radix erfolgen, sondern vor allem auch für Progressionen und Direktionen, da sich hier sehr differenzierte Aussagen im Horoskop erreichen lassen. Vor allem ändert sich die Bedeutung eines jeden Punktes, je nachdem in welches Element er gerade wandert, oftmals grundlegend. Eventuell könnte die Anwendung nach diesem System zumindest für längerfristig wirksame Transite ebenfalls wirksam sein. Ganz entsprechend der Ansicht der psychologischen Astrologie sollen die Punkte, die negative Eigenschaften beschreiben, auch als Warnung dienen können, eben diese negative Auswirkung zu umgehen, zu vermeiden, oder in Positives zu transformieren.
Wodan hat ein relativ strenges Kriterium bezüglich der Gültigkeit und Qualität der sensitiven Punkte von Frank Glahn übernommen: "Der Astrologe, Herr Frank Glahn, verlangt in seinem Buche den Nachweis und wenigstens 80-90 Prozent Treffer der "sensitiven Punkte". Beides wurde durch jahrelange Erfahrung in eigner Praxis erbracht". [1]
Alle sensitiven Punkte sind nach der Tagformel angegeben. Für Nachtgeburten (also mit der Sonne unterhalb der Horizontachse) ist die Reihenfolge der beiden Planetenstände, die voneinander subtrahiert werden, zu tauschen um die Nachtformel zu erhalten.
Die "kabbalistische Zahl" ist eine Art von Ordnungszahl, die dadurch entsteht, dass der Sonne die Ziffer 1, dem Mond die 2 etc. zugewiesen wurde.
Der jeweils fett unterlegte Begriff zeigt den Hauptnamen des Punktes an, z. B. Punkt 16 = Vaterpunkt.
Mundaner sensitiver Punkt
Die bekanntesten mundanen sensitiven Punkte sind der absteigende und aufsteigende Mondknoten, also die Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik. Sie gelten als Ursprung bzw. im karmischen Sinne Herkunft, auch Kraftquelle (absteigender Mondknoten) oder Zielpunkt, karmische Zukunft oder auch der Punkt, an dem die individuelle Kraft eingesetzt wird (aufsteigender Mondknoten). Ebenso wie für den Mond können auch noch die Schnittpunkte der Planetenbahnen mit der Ekliptik berechnet werden, sie werden vergleichbar den Mondknoten gedeutet, nur eben verknüpft mit der Energie der beteiligen Planeten. Insbesondere Tony Bonin arbeitet intensiv mit diesen Punkten.
Weit verbreitet im Deutungsrepertoire der Astrologie ist auch Lilith, die üblicherweise als das Apogäum der Mondbahn definiert ist und als eine tiefgründige urweibliche Kraft aber auch als Energie oder Lebensqualität, der willentlich nur schwer erreichbar ist, gedeutet.
Desweiteren gibt es noch den Apex, der als Zielpunkt der Bewegung des gesamten Sonnensystems definiert ist und als Zielrichtung des Lebens gedeutet wird, sowie das galaktische Zentrum, das als Punkt der Stabilität gilt. Diese beiden Punkte werden, eventuell da sie nicht direkt mit den Positionen der Himmelskörper unserers Sonnensystems verknüpft sind, in der Deutung bisher nur selten berücksichtigt.
Sensitiver Punkt, Weiterentwicklung
Alfred Witte entwickelte aus dem von ihm vorgefundenen, bereits seit mindestens rund 1.700 Jahren bekannten „sensitiven Punkt" (auch bekannt als Glückspunkt, Glücksrad, s. Claudius Ptolemäus und arabischer Punkt) eine algebraische Gleichung, a + b = c + x, die er später Planetenbild nannte. Er fand damit einen neuen Ansatz zur Auswertung des Horoskops und entwickelte in Folge eine Auswertungsmethode, die heute als Hamburger Schule bekannt ist.
Witte schreibt: „[ ] ... „Diese Punkte der verschiedenen Horoskope
- Erdhoroskop IV. Haus Steinbock
- Sonnenhoroskop IV. Haus Sonne im Radix
- Meridianhoroskop X. Haus
- Geburtsort und das Horoskop des Ascendenten
haben zur Berechnung der sensitiven Punkte eine große Bedeutung. ... [ ]" [2]
Sensitiver Punkt, als Begriff erstmals genannt
Karl Brandler-Pracht nennt 1905 diesen Punkt „bedeutsamer Punkt" [3] Ein paar Jahre später, 1909, verwendet er den Begriff „sensitiver Punkt" erstmals in der deutschsprachigen Astrologie-Literatur. Er schreibt: „Gewisse Stellen des Tierkreises resp. der Ekliptik gelten für gewisse Beziehungen im Menschenleben als von großem Einfluß. So entspricht dem II. Hauses der Punkt Glück (auch Glücksrad genannt, Kreis mit darin enthaltenem Kreuz) und der Punkt für Vermögen; dem III. Hause der Punkt für Geschwister; dem IV. Hause der Punkt für den Vater ... [ ]"
„[ ] ... Die ‚sensitiven auch bedeutsamen Punkte‘ sind eine astrologische Hypothese; sie bildeten seit jeher einen Streitfall der gelehrten Astrologen. ... [ ]" [4]
Literatur/ Interne Links
Individuelle sensitive Punkte
- Renzo Baldini: Die Arabischen Punkte: Ihre Anwendung in der modernen Astrologie. Chiron Verlag Tübingen 2008 ISBN 3899971620
- Karl Brandler-Pracht: Die sensitiven Punkte in der Astrologie. Chiron Verlag 2001 ISBN 3925100660 (Unveränderter Nachdruck der Auflage von 1936)
- Andrea Buchholz: Der geheime Code. Die sensitiven Punkte in Ihrem Horoskop. Silberschnur Verlag 2006 ISBN 3898451534
- Robert Zoller: Astrologie und Zahlenmystik - Die arabischen Punkte im Horoskop. Heinrich Hugendubel Verlag Kreuzlingen/München 1989 ISBN 3880344124
Mundane sensitive Punkte
- Lilith
- Mondknoten
- Sonnenapex
- Theodor Landscheidt: Fixsterne, Aspekte und galaktische Strukturen. Ebertin-Verlag Aalen 1965
Weblinks
- Online Arabic Parts Calculator Sensitive Punkte nach Al Biruni
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Armin Wodan: Astrologie - Die Krone aller Wissenschaften. Reformation der Theologie, Philosophie, Medizin, Justiz. Armin Wodan's "72 sensitive Punkte und ihre wunderbare Deutung" dazu Horoskop-Zeichnung von Goethe. Erweiterung und Abklärung der "Punkte" in den 4 Element Wodania L. Richter Verlag Leipzig 1932 Online als PDF
- ↑ Alfred Witte: „Sensitive Punkte", in : Astrologische Rundschau, 10. Jahrgang 1919, Heft 1-3, S. 26, Theosophisches Verlagshaus Dr. H. Vollrath, Leipzig
- ↑ Karl Brandler-Pracht, Mathematisch-instruktives Lehrbuch der Astrologie, Leipzig, 1905, S. 44, 87
- ↑ Karl Brandler-Pracht, „Die sensitiven Punkte der Ekliptik", in: Zodiakus, 1. Jahrgang, Heft 1, Juli 1909, S. 7, Paul Lorenz Verlag, Freiburg/Breisgau