Archetyp

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Venus von Willendorf. Frühe Gestaltung des Archetyps der Großen Mutter.

Das Wort Archetyp wird vom griechischen arche-typon (= Ur-Bild; arch = urtümlich, typein = einschlagen, prägen) abgeleitet.
Ähnlich der Platonischen Idee[1] umschreibt der Begriff abstrakte Prinzipien, die in der geistigen Welt vor-existieren und alles Seiende hervorbringen.

Begriffsgeschichte

Historisch[2] geht das Begriffsfeld "Archetypus" zurück auf hellenistisches Gedankengut. "Archa" galt als ein vorweltliches Prinzip, die gnostischen "Archonten", denen die "arch-angeloi" (= Erzengel) der Bibel verwandt sind, waren "Weltschöpfer". Philo Iudaeus und Irenaeus sahen das Schöpferische Gottes als ebenfalls im Menschen wohnend (imago dei).[3] Ähnliche Konzepte gab es bei Augustinus, Dionysius Areopagita und im Corpus Hermeticum. In der mittelalterlichen Scholastik sprach man von dem Menschen eingegrabenen "Naturbildern", nach denen dieser seine Wahrnehmung forme. Paracelsus, beeinflusst von Agrippa von Nettesheim, bezog sich auf den "archaeus", auf das schöpferische Prinzip der Erde (Erdgeist, Erdseele). Als apriorisch, präexistent (von Gott der menschlichen Seele "eingepflanzt") verstand auch Johannes Kepler den Archetypus, und wendete insbesondere den Begriff erstmals auf die Astrologie an.[4] Die frühneuzeitlichen Philosophen Descartes, Spinoza, Kant und Schopenhauer reduzierten ihn allerdings auf reine Verstandes- bzw. Denk-Kategorien; bevor er in der Neuzeit von Carl Gustav Jung psychologisch bestimmt wurde: als Muster oder Struktur in einer tiefen Seelenschicht (dem sog. Kollektiven Unbewussten[5]).

Die Archetypen bei C.G. Jung

Der Drachenkampf als universelles, archetypisches Motiv - hier der weißrussische Hl. Georg (vgl. auch den germanischen Siegfried).

C.G. Jung definierte den Begriff erstmalig 1919 (vorher sprach er in Anlehnung an Jakob Burckhardt von "Urbildern"): als eine instinkthafte Kategorie des Kollektiven Unbewussten. Die Archetypen sind für ihn typische, allgemeinmenschliche Formen des Auffassens und Handelns, welche durch Vererbung oder frühkindliche Prägungen weitergegeben werden. Sie wirken in der Psyche als unbewusste, vorstrukturierende Arten und Weisen des Denkens, Fühlens, Erlebens und Verhaltens, worauf jedes persönliche, individuelle Bewusstsein eigentlich erst aufbaut und nur wenig Einfluss und Zugriff darauf hat[6]. Als seelische Konstanten oder "Organe" organisieren die Archetypen das psychische Geschehen. Von einem übergeordneten Standpunkt aus betrachtet, gleichen sie "leeren" Schemata; sie sind nämlich nicht inhaltlich bestimmt, sondern werden stets im Einzelfall, in der konkreten Situation erst noch mit Leben gefüllt. Die äußere Gestalt eines Archetyps ist wandelbar, die Ausgestaltung oder Spezifizierung seines Grundmusters ist zwischen den Individuen und Kulturen verschieden. Es gibt jedoch einen gemeinsamen Kern - etwa beim sog. "Heldenkampf" oder dem Mutter-Archetyp, wozu Jolande Jacobi schreibt[7]: Er ist in dem erwähnten formalstrukturellen Sinn jeder Erscheinungsform des "Mütterlichen" präexistent und übergeordnet ... ein gleichbleibender Bedeutungskern, der sich mit allen Aspekten und Symbolen des "Mütterlichen" zu füllen vermag. Das Urbild der Mutter und die Züge der "Großen Mutter" mit all ihren paradoxen Eigenschaften sind in der heutigen menschlichen Seele die gleichen wie in den mythischen Zeiten.
Bei den Archetypen geht es meist um allgemeinmenschliche Themen wie Geburt, Partnerschaft, Krankheit und Tod. Märchen und Mythen sind Träger dieser Bilder; in Träumen können sie individuell zum Ausdruck kommen. Sie sind polar (gut und böse, bedrohlich und unterstützend), vieldeutig und unerschöpflich, ohne fest umrissene Konturen.
Sie werden vom einzelnen erlebt als von seinem Ich unabhängige Gebilde, wirken auf ihn sowohl faszinierend als auch handlungsanleitend. Seelische Prozesse erfolgen durch sie in einer gesetzmäßigen Abfolge; d.h. die Archetypen sind mehr dynamisch als nur statisch; sie treten in der Psyche auf als selbständig handelnde Figuren, entsprechen den "Geistern" der Magie und Primitivenpsychologie.
Es gibt in der Analytischen Psychologie eine begrenzte Anzahl von Archetypen oder Urfiguren, aber eine unbegrenzte Anzahl von archetypischen Bildern, also Urbildern, die als Symbole erscheinen. Die wichtigsten, in der seelischen Entwicklung eines Individuums nacheinander auftauchenden, sind

Therapeutisch umgehen lässt sich mit ihnen beispielsweise mithilfe von Jungs Methode der Aktiven Imagination.

Astrologische Archetypen

Jung äußerte sich verschiedentlich zur Astrologie und ihrer Verwandtschaft mit seiner Psychologie:

Die Astrologie stellt die Summe aller psychologischen Erkenntnisse des Altertums dar[8]... Die Wissenschaft fing bekanntlich bei den Sternen an, in welchen die Menschheit ihre Dominanten des Unbewussten, die sogenannten "Götter" entdeckte...[9] Der Sternenhimmel ist ja in der Tat das aufgeschlagene Buch der kosmischen Projektion, der Widerspiegelung der Mythologeme, eben der Archetypen (GW 8, § 392). Und in einem Brief an den Astrologen André Barbault vom 26.5.1954 schrieb er: Die Astrologie besteht aus symbolischen Konfigurationen, ebenso wie das kollektive Unbewusste, mit welchem sich die Psychologie befasst: die Planeten sind die »Götter«, Svmbole der Mächte des Unbewussten (Briefe II, S. 400).[10]

Jungs Archetypenlehre wirkte sich fruchtbar aus auf die Verbindung der Astrologie mit der Psychologie bzw. auf die Entwicklung der Psychologischen Astrologie.

Der nordische Trickster Gott Loki.[11]

Die Horoskopfaktoren sind den Archetypen strukturell ähnlich[12], nämlich wie diese vielschichtig und mehrdeutig. Scharfe Abgrenzung und strikte Begriffsformulierung sind auf diesem Gebiet schlechterdings unmöglich, denn die fließende Durchdringung gehört zum Wesen der Archetypen.[13] Die Archetypen sind nicht im Detail festgelegt (wie sie sich jeweils genau auswirken); sie haben (in Jungs Worten) einen "invariablen Bedeutungskern, der stets nur im Prinzip, nie aber konkret, seine Erscheinugsweise bestimmt"[14]. Diesem "Bedeutungskern" begegnet man gerade bei den Analogien bzw. astrologischen Analogie-Ketten.[15].
Die inhaltliche Zuordnung eines Archetyps zu einem astrologischen Faktor, sei es ein Planet oder ein Zeichen, stammt historisch überwiegend aus der griechisch-römischen Mythologie, in welchem Kulturkreis die heutige Astrologie ja entstand (immerhin sind die Planeten nach römischen Göttern benannt). Wobei man davon ausgeht, dass in den antiken Sagengestalten, sowie in den Geschichten, die sich um sie ranken, archetypische Erlebnisweisen oder Erfahrungen festgehalten sind. Eine Paralelle zwischen astrologischen Symbolen und den psychologischen Archetypen ist nicht zuletzt darin zu sehen, dass beide am passendsten, am treffsichersten sind im psychologisch-charakterologischen Bereich.

Brigitte Romankiewicz: "Die zwölf Tierkreiszeichen sind ein Ordnungssystem immer wiederkehrender typischer Erfahrungen des Menschenlebens"...[16]"Immer gibt es ein Impulsmoment am Anfang (Widder), dem das Ansammeln und die konkrete Ausrichtung von Energie (Stier) folgen muss. Dann eine Bewegungs- und Informationsphase (Zwillinge)...[17] Das Horoskopschaubild ermöglicht es, die in einem Menschen oder in einer Situation jeweils wirksamen Archetypen zu objektivieren.[18]

Zuordnung von Tierkreiszeichen und mythischen bzw. archetypischen Entsprechungen bei Romankiewicz[19]:

Tierkreiszeichen archetypische Entsprechungen
Ari.gif Widder der Krieger, der Held; der Erste, der Tollkühne
Tau.gif Stier Minotaurus, Mithrasmysterien; Erdheiligtümer, mythische Steine; frühe Erdgöttinnen
Gem.gif Zwillinge der Trickser, der Gaukler, der Dummling, der Schelm; Doppelgängermotiv: alle Märchen und Mythen, die mit dem Verlust des Schattens oder Spiegelbild zu tun haben
Can.gif Krebs Allnatur, Große Mutter; Wandlungskessel, Schatzhöhle; Sintflut; Frau Holle
Leo.gif Löwe Apollo; der König; der göttliche Funke, das göttliche Kind
Vir.gif Jungfrau die göttliche Weisheit (Sophia); Demeter, Korngöttinen; Aschenputtel
Lib.gif Waage Justitia (die Gerechtigkeit); die (für Kunst zuständigen) Musen
Sco.gif Skorpion Schlangen- und Schicksalsgottheiten; der Abgrund, das Urchaos, der Urdrachen; Höllenfahrt, Auferstehung, Läuterung, Erlösung; Phönix aus der Asche, Adler
Sag.gif Schütze weise und barmherzige Götter; der gute Vater im Märchen
Cap.gif Steinbock der Alte König, der Alte Weise, der Eremit, der Hüter der Schwelle; das Böse, der Teufel
Aqu.gif Wassermann Prometheus, Luzifer; Engel, geflügelte Gottheiten; Auferstehung, Himmelfahrt, Erleuchtungserlebnisse; Außerirdische, Ufos
Pis.gif Fische Meer, Wasser- und Fischgottheiten, Nixen; Uroboros; Erlöser (Jesus), Heilige und Helfer
Der Uroboros, aus dem alles hervorgeht, die sich in den Schwanz beißende Schlange des Ur-Chaos und Ur-Anfangs (alchemistische Abbildung).

Einige Archetypen-Parallelen der Planeten:

  • Pluto ist als Herrscher des Skorpion ein Symbol für Wandlung, Sterben und Vergehen - was dem antiken Unterwelt-Gott entspricht.
  • Eine starke Mars-Betonung dürfte mit einem "kriegerischen" Verhalten korrespondieren, mit dem den Horoskopeigner motivierenden inneren Bild eines "Helden" oder "Ritters".
  • Die Sonne (= Löwe-Regent) ist mit dem Bild des Königs oder eines herrschenden Patriarchen verbunden.
  • Die Venus steht für eine junge, sinnliche Frau, für Erotik, Liebe und Beziehung.[20]

Durch zeitliche Auslösungen oder Transite können die mit den Planeten verknüpften archetypischen Inhalte und Bilder für eine bestimmte Lebensphase eine besondere Bedeutung erhalten.

Eine Eins-zu-eins-Übersetzung, wie Sonne = Vaterbild oder Selbst, und Mond = Mutterbild oder Große Mutter, ist jedoch nicht möglich. Dazu sind die Modelle bzw. Systeme der Astrologie einerseits und der Analytischen Psychologie andererseits doch zu unterschiedlich, und vor allem in zu weit voneinander entfernt liegenden Epochen der Menschheitsgeschichte entstanden.

Wichtige Autoren

  • Mit ihrer Verknüpfung von Archetypen-Lehre und Astrologie wurde die anglo-amerikanische, Jungsche Analytikerin und Astrologin Liz Greene bekannt.
  • Im deutschsprachigen Raum schuf der Frankfurter Astrologe und Psychotherapeut Peter Orban auf Basis der Archetypen-Lehre ein astrologisch-symbolisches Kartenspiel: die Symbolon-Karten.[21]
  • Eine zumindest namentliche Gleichsetzung astrologischer Prinzipien mit Archetypen vollzieht Brigitte Hamann, indem sie von den Tierkreiszeichen als den "zwölf Archetypen" spricht.
  • Mit verschiedenen Märchen werden die Tierkreiszeichen bei Claus Riemann verbunden.
  • In seiner "Archetypal Astrology" sieht Richard Tarnas die Planeten als Archetypen.[22]

Weblinks

Literatur

  • Schwabe, Julius: Archetypus und Tierkreis. Basel, 1951.
  • Carl Gustav Jung u.a.: Der Mensch und seine Symbole. Walter, Olten/ Freiburg 1968 ISBN 3-530-56501-6.
Das Vermächtnis von C.G. Jung. Ein Buch voller Bilder, auch aus der Kunst, Illustrationen der Archetypen.
  • Kathleen Burt: Archetypes of the Zodiac, 576 Seiten. Llewellyn Publications, 1988 ISBN-10: 0875420885 ISBN-13: 978-0875420882 (Englisch)
  • Franz Josef Röll: Mythen und Symbole in populären Medien. Frankfurt/ M. 1998
Die Drehbücher großer Kinofilme beruhen oft auf dem immer gleichen Strickmuster: sie sind auf dem Mythos der Heldenreise aufgebaut (s. Heraklesmythos). Deren zwölf Stationen scheinen analog zu psychischen Abläufen auch des modernen Menschen zu sein, in den typischen Versuchungen, Krisen und Bewährungen kommt ein archetypisches Funktionsmuster der menschlichen Psyche zum Ausdruck.
  • Neumann, Erich: Die große Mutter. Patmos 2003. ISBN 3-530-60862-9.
  • Hamann, Brigitte: Die Zwölf Archetypen: Tierkreis und Persönlichkeitsstruktur. 457 Seiten. Droemer/ Knaur 1985, 2005 ISBN 3426872315 ISBN 978-3426872314
  • Romankiewicz, Brigitte: Spielfeld der Götter. C.G. Jungs Archtypenlehre und die Astrologie. Chiron-Verlag, Tübingen 2002

Anmerkungen und Quellen

Darstellung eines Labyrinths (alchemistische Abbildung): Auch die Selbstsuche bzw. -findung (Individuation) ist ein Archetyp, d.h. in jedem Menschen angelegt.
  1. Zm Unterschied zu Platons Ideen sind die Archetypen allerdings versehen mit einer dunklen Seite, d.h. nicht nur positiv, hell, klar, "rein" und "ideal", s. Schatten.
  2. nachfolgende historische Ausführungen zusammengefasst von C.G. Jung, GW 8, S. 280ff
  3. C.G. Jung, GW 9/1, S.5ff
  4. Kepler hatte den Archetypus schon weitgehend deckungsgleich mit Jung aufgefasst, jedoch mehr dessen erkenntnistheoretischen Aspekt betont, als unserem Erkenntnisvermögen eingeborener Formbegriff, s. Wolfgang Pauli, Der Einfluss archetypischer Vorstellungen auf die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien bei Kepler:"Die Übereinstimmung mit den von C.G. Jung in die moderne Psychologie eingeführten, als "Instinkte des Vorstellens" funktionierenden "urtümlichen Bildern" oder Archetypen ist eine sehr weitgehende". in: Jung, C.G./ Pauli, W., Naturerklärung und Psyche, Zürich 1952, S.112.
  5. Das Kollektive Unbewusste ist, im Gegensatz zum persönlichen oder individuellen Unbewussten, das psychische Erbe/ die Vorerfahrungen der ganzen Menschheitsgeschichte, und setzt sich überwiegend aus den Archetypen zusammen.
  6. Ludwig J. Pongratz: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie, Stuttgart 1983, S. 333ff
  7. in Die Psychologie von C.G. Jung, Zürich 1959, S. 67
  8. Einleitung zu "Die Goldene Blüte", zitiert nach Romankiewicz, S. 19
  9. Romankiewicz, S. 20
  10. zitiert nach Romankiewicz, S. 164/ 165
  11. Isländisches Manuskript aus dem 18. Jahrhundert.
  12. Romankiewicz, S. 22
  13. Jung, zitiert nach Romankiewicz, S. 26
  14. C.G. Jung zitiert nach Jacobi, Psychologie, S. 63.
  15. Die Analogie-Ketten wurden erstmalig in der Arabischen Astrologie formuliert und erstellt, z.B. von Al Biruni in seinem Werk "The Book of Instruction in the Elements of the Art of Astrology", so der englische Titel. Ein Beispiel für die arabischen Analogie-Ketten im Bereich der Bäume und Sträucher findet man unter astrologie-karlsruhe.de. Ein populärer moderner Autor zu den Analogieketten ist Thorwald Dethlefsen.
  16. Romankiewicz, S. 27
  17. Romankiewicz, S. 108
  18. Romankiewicz, S. 45
  19. Zusammenstellung nach Romankiewicz, S.66-106
  20. Eine Steinbock- oder Jungfrau-Venus bedeutet jedoch eher eine sich zierende, leicht spröde und noch "unschuldige" Jungfrau, usw., siehe Kombinatorik.
  21. Desweiteren stammen von Orban die sogenannten Personare, spezielle Horoskope für die verschiedenen Geburts-Planeten und die mit ihnen verknüpften Archetypen im Leben eines einzelnen.
  22. Tarnas nennt seine Herangehensweise Archetypische Kosmologie in Anlehnung an die Archetypische Psychologie von James Hillman (eine Weiterentwicklung der Jungschen Psychologie).