Aszendent

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Die Sonne am Aszendenten[1]

Synonyme: Aufgang; Horoskopus (veraltet)

Der zu einem bestimmten Moment am Osthorizont aufsteigende Punkt im Tierkreis. Das Wort kommt vom lateinischen ascendere (= aufsteigen[2]). Dem Aszendenten liegt der ("absteigende") Deszendent polar gegenüber.
Als Horoskopus wurde in der Antike ursprünglich das gesamte aufsteigende Tierkreiszeichen, und erst später ausschließlich der aufsteigende Ekliptikgrad am Osthorizont bezeichnet, der heute Aszendent genannt wird.[3][4]

Mit dem Aszendenten beginnt das erste Haus, das dem Tierkreiszeichen Widder analog ist.

Abkürzungen

  • AC (gebräuchlich)[5]
  • AS, Asc (im englischen Sprachraum üblich)
  • Asz, A (traditionell)

Astronomie

Schematische Darstellung von Ekliptik, Horizont und Zenit.[6]

Der Aszendent ist der Schnittpunkt des östlichen Horizonts mit der Ekliptik. Durch die Drehung der Erde um die eigene Achse steigt, von einem bestimmten Ort aus gesehen, durchschnittlich alle zwei Stunden ein neues Tierkreiszeichen am Osthorizont auf, sodass der Aszendent den gesamten Tierkreis innerhalb eines Tages durchläuft. Zwei Menschen, die zur gleichen Zeit an weit voneinander entfernten Orten geboren wurden, haben verschiedene Aszendenten.

Deutung

Der Aszendent sagt viel über die Persönlichkeit aus.

Der Aszendent ist ein sehr individueller Punkt im Horoskop. Die Stellung in einem bestimmten Tierkreiszeichen und etwaige Planeten in Konjunktion mit ihm verleihen ihm seine besondere persönliche Färbung.

Klassische Deutung

Auf Basis der Klassischen Astrologie wurde der Aszendent generell, immer im Zusammenhang mit dem Lebensbereich des ersten Hauses, bis in die zweite Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts vorallem mit Qualitäten wie Temperament, körperliche Erscheinung[7], Vitalität/ Gesundheit, oder Wille und Ichbehauptung[8] in Verbindung gebracht. Cyprian Leowitz (1524 - 1574 n.Chr.):"Der Aszendent bedeudet in jeder beliebigen Nativität das Leben und den Körper des betreffenden Menschen, die Säftemischung sowie die Konstitution des Körpers und die geistige Veranlagung, sowie die Moral."[9]

So schreibt Vettius Valens (zweites Jahrhundert n.Chr.) vom Ort des Lebens und des Leibes[10].[11]. Bei Al Biruni (elftes Jhdt.) wird auf Leben und Lebenslänge sowie Gemüt geschlossen[12]. Auch William Lilly (17. Jhdt.) ordnete das Leben des Menschen und sein Körperbau dem ersten Haus zu[13], ähnlich verankert der deutsche Astrologe Herbert Freiherr von Klöckler (Zwanzigstes Jhdt.) die körperliche Konstitution, die Körperlichkeit am Aszendenten, im ersten Haus, ebenso das physiologische Temperament oder angeborene Krankheitsdispositionen[14].

In Detail entwickelten sich über die Jahrhunderte differenzierte Deutungen und Ableitungen. Die Vitalität/ Gesundheit, und damit die Lebensdauer, wurde z.B. dadurch beeinflusst, ob die Gradposition des Aszendenten in den Grenzen eines Wohltäters steht, der Aszendent im Sextil oder Trigon von einem Wohltäters aspektiert wird, oder der Herrscher über den Aszendenten essentiell stark steht, frei von Verbrennung, Rückläufigkeit und Verletzung, schnell in Bewegung und ohne "schlechte" (Quadrat, Opposition) Aspekte zu den Übeltätern (Mars und Saturn) oder den Herrschern der Häuser Acht und Zwölf, wie William Lilly schreibt[15]. Dabei prägen Planeten im ersten Haus oder am Aszendenten einen Geborenen genauso wie Sonne und Mond oder der Geburtsherr. Das Temperament eines Menschen, Wuchs, Gestalt und Statur des Körpers bestimmt Lilly nach dem Aszendenten und dem Aszendenten-Herrn, nach Planeten am Aszendenten und exakten Aspekten von Planeten auf den Aszendenten (die Konjunktion galt nicht als Aspekt)[16].

Moderne Entwicklungen

Nach dem weitgehenden Erlöschen der Astrologie auf dem europäischen Kontinent Ende des 17. Jahrhunderts wurde ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem von Großbritannien aus die Astrologie revitalisiert. Die Komplexität der Klassischen Astrologie wurde dabei nur teilweise rezipiert und überliefert, diese Tendenz zur Vereinfachung verstärkte sich noch im deutschsprachigen Raum.

Die Beobachtungen praktizierender Astrologen andererseits wurden zunehmend genauer und differenzierter, so distanziert sich Oscar A. H. Schmitz bereits 1922 von den ihm zu pauschal gehaltenen Lehrsätzen der (vermeintlich "klassisch" geprägten) Vorgängerastrologen: "Das I. Haus, auch Aszendent = Das Aufsteigende genannt, bezeichnet, den Menschen selbst, so wie er aus dem Mutterleib hervorgekommen ist mit seiner erblichen Anlage des Körpers, des Charakters, des Temperaments. Häufig wird das Äußere eines Menschen gänzlich ausgedrückt durch das Zeichen an der Spitze des Aszendenten, modifiziert durch einen Planeten, der dort etwa selbst anwesend ist. Doch kann man darauf nicht mit Sicherheit rechnen. Oft gibt auch das Zeichen, in dem beim Mann die Sonne, bei der Frau der Mond steht, bisweilen auch das Zeichen des M.C., oder das, in dem sich der Geburtsgebieter befindet, dem Äußeren das Gepräge. Von höchster Wichtigkeit sind auch die Aspekte, welche die Spitze des I. Hauses empfängt."[17]

Ab den 1950er Jahren wurden dem Aszendenten weitere Aussagen zugeordnet, besonders in der späteren Psychologischen Astrologie. Der Aszendent steht immer noch und nun für den Start des Individuums ins Leben und die Energien, die die Qualität dieses Zeitpunktes prägten, für die "Art, wie wir ins Leben treten" (Howard Sasportas)[18].

Der Aszendent gilt dabei als derjenige Punkt, der die Zielrichtung des individuellen Lebensplans sowie die Absicht der Seele anzeigt, welcher verdeutlicht "was wir bei unserer Geburt auf diese Welt mitbekommen haben und über das wir frei verfügen können: es ist unsere Anlage"[19]. Darüber hinaus zeigt er, wie ab den 1980er Jahren formuliert wird, wie ein Mensch spontan auf seine Umwelt zugeht[20], wie er sich ihr zeigt, aber auch, wie er von dieser wahrgenommen wird. Damit tritt die Wirkung des Aszendenten auf die Umwelt als Gegenüber in den Vordergrund[21].

Im Horoskop wird der Aszendent meist links eingezeichnet (zu Beginn des Ersten Quadranten).

Im Anschluss an Thomas Rings Werk Astrologische Menschenkunde und dessen Rezeption von Carl Gustav Jung verbreitete sich die Deutung, die den Aszendenten als Ort der "Persönlichkeit" betrachtet, dabei vom lateinischen Wort persona eine Art Maske folgert. Etwas, was man quasi vor sich herträgt, der Welt zeigt.[22] Ring bezeichnet den Aszendenten mit "Das Ich als Ein und Alles"[23] und befasst sich ausführlich mit dem Begriff der Persona im Zusammenhang mit dem Aszendenten[24]. Dabei enthält noch Rings Quadranten-Deutung vor Erscheinen der Astrologischen Menschenkunde - ab den 1950er Jahren - keinen Hinweis auf eine solche Verknüpfung[25].

Wolfgang Denzinger schreibt über den Unterschied zwischen Aszendent und Planeten: "Oft wird der Aszendent wie ein Anhängsel an das Zeichen der Sonne behandelt, als eine Art Ergänzung, der wir gerne jene Eigenschaften zuschreiben, die wir am Horoskopeigner feststellen und die zum Prinzip seines Sonnenzeichens einfach nicht passen wollen ... Aber eines ist sicher: Mit Sonne, Mond und Planeten hat der Aszendent recht wenig gemeinsam. Schon die kosmische Symbolik ist eine vollständig andere. Sonne, Mond und Planeten besitzen physische Körper, die in dynamischer Bewegung sich um ein Zentrum drehen. Beim Aszendenten ist dies völlig anders gelagert. Weder hat er einen Körper, noch dreht er sich um ein Zentrum ... Sonne, Mond und Planeten entsprechen bestimmten Qualitäten, die wir auf unserem Weg zur Verfügung haben - der Aszendent gibt uns seelisch-geistige Orientierung, die wir auf unserem Weg brauchen. Es wäre vergleichbar mit dem Unterschied zwischen einem Fahrzeug (Planeten) und einem Verkehrsschild (Aszendent). Obwohl grundverschieden, kann das Verkehrsschild dem Fahrzeug dazu verhelfen, ohne Irr- und Umwege ans Ziel zu kommen."[26]

Für die Huber-Schule symbolisiert der Aszendent explizit den Ich-Punkt.[27]

Hamburger Schule

Astronomische Definition

Der Aszendent ist der im Osten liegende Schnittpunkt der Horizontlinie mit der Ekliptik, dem Fundamentalkreis der Bahn der Erde um die Sonne. Er gehört zu einem anderen System als das MC. Der gleichmäßige Lauf des MCs um die Erdachse in einem Tage hat den Äquator als Fundamentalkreis. Er wird vom oberen Meridian an in 12 gleiche Teile geteilt, analog der Ekliptik und der Lage der Erdachse zu dieser. Die Schnittpunkte dieser Zwei-Stunden-Meridiane mit der Ekliptik sind dann die Spitzen der astrologischen MC-Häuser. Die Spitze des 1. MC-Hauses deckt sich mit dem Aszendenten nur dann, wenn das MC in null Grad Krebs steht (dann steht der Aszendent in null Grad Waage) und in null Grad Steinbock (dann steht der Aszendent in null Grad Widder). Ansonsten deckt sich die Spitze des 1. MC-Hauses nicht mit dem Aszendenten, der als Spitze oder Beginn des 1. AS-Hauses gilt. Die zwölf Aszendenten-Häuser sind alle 30° groß, entsprechend den 30° großen Abschnitten der Ekliptik.[28]

Weil Aszendent und MC zwei verschiedenen Fundamentalkreisen angehören, werden ihre Positionen nicht starr miteinander verbunden und der Raum zwischen ihnen in Zwischenhäusern geteilt (wie z.B. bei den Häusersystemen Placidus, Koch, Regiomontanus). MC und Aszendent werden getrennt betrachtet als MC-Häuser einerseits und Aszendenten-Häuser andererseits.

Astrologische Definition

Astrologie als Symbolsprache bedient sich der astronomischen Vorgänge als Vorlage. Für MC und Aszendent sind es die zwei Bewegungen der Erde. Zur ersten Bewegung gehört ihre tägliche Drehung um sich selbst. Man kann sich vorstellen, wie dadurch ein zur Erde gehörender Kreis entsteht. Dieser Kreis ist mit dem Äquator identisch. Er ist erste Fundamentalkreis der Erde, die Bezugsebene des MCs. Durch die Umdrehung entstehen Tag und Nacht im Wechsel, den der Mensch zuerst wahrnimmt. Daraus wird abgeleitet, dass auch der Mensch zuerst sich selbst wahrnimmt. Deshalb symbolisiert das MC das Ich, die Persönlichkeit, das eigene Empfinden von sich selbst und beschreibt mein Denken, mein Handeln, mein Wollen, meine Vorlieben usw.

Zur zweiten Bewegung der Erde gehört ihr jährlicher Umlauf um die Sonne. Dieser Fundamentalkreis heißt Ekliptik. Dort hat der Aszendent, als der im Osten liegende Schnittpunkt der Horizontlinie mit der Ekliptik, seine Position. Die Umlaufbewegung der Erde um die Sonne nimmt der Mensch erst durch den Wechsel der Jahreszeiten als zweites wahr, nach dem Wechsel von Tag und Nacht. Man kann sich vorstellen, wie die in der Ekliptik sich drehende Erde durch ihre Bewegung um die Sonne einen großen Kreis zieht, der einem Umfeld gleicht. Einen Kreis darf man sich nicht ohne Mittelpunkt denken. Den Mittelpunkt des Horoskops (Geburtsstunden-Bild), das uns als Kreis vorliegt, stellt das MC, den Kreis der Aszendent dar. Der Vergleich Mittelpunkt - Kreis soll das Verhältnis MC (Ich) zum Aszendenten (der andere) verdeutlichen. Es gibt nämlich kein Ich ohne einen anderen, und beides ist aus dem Horoskop ablesbar.[29]

Die Bedeutung des Aszendenten wird abgeleitet und übersetzt mit: die engste soziale Umwelt, die Beziehung zum Ort, den anderen Menschen, das Du. Er beschreibt das Umfeld des Nativen, wie andere ihn betrachten und bewerten, beurteilen und einschätzen, wahrnehmen oder empfinden.

Der Aszendent ist die Spitze oder der Anfang des ersten Aszendenten-Hauses und wird dem Tierkreiszeichen Waage, dem ersten Haus der Erde (Erdhoroskop), zugeordnet.

Weblinks

Anmerkungen und Quellen

  1. Gesehen von der ISS aus, Bildquelle: NASA.
  2. Im englischsprachigen Raum wird das Aszendentenzeichen oft rising sign genannt.
  3. In der Gegenwartsastrologie wird die gesamte graphische Darstellung als Horoskop bezeichnet.
  4. Franz Boll; Carl Bezold; Wilhelm Gundel: Sternglaube und Sterndeutung: die Geschichte u. d. Wesen d. Astrologie. 6. durchges. Aufl. Sonderausg., Reprograph. Nachdr. d. 5., durchges. Auflage, Stuttgart 1966; 1974, S. 62
  5. Die Abkürzung AC hat sich ausgehend von der Schweizer Huber-Schule weitherum durchgesetzt. Sie ist als unglückliche Wahl zu betrachten. Vermutlich wünschte Huber eine Analogie zu MC und IC zu schaffen, welches wirkliche Abkürzungen von Medium coeli bzw. Imum coeli sind. AC und DC (für Deszendent) sind keine echten Abkürzungen. Im englischsprachigen Raum sind sie in der Astrologie ungebräuchlich. Dort stehen sie für Wechselstrom (Alternating Current) und Gleichstrom (Direct Current). Die Firma Astrodienst bedauert heute, dass sie die AC/DC-Mode seit 1980 mitgemacht hat, obwohl damals noch etliche ältere Astrologen Einwände erhoben, doch lässt sich das wohl nicht mehr ändern. Reinhold Ebertin und Bernd A. Mertz etwa bestanden immer darauf, dass in ihren Horoskopmethoden 'A' auch bei Computerzeichnungen von Astrodienst stehen sollte. (Anmerkung von Alois Treindl)
  6. Der Aszendent ist der Aufgangspunkt.
  7. C.Aq. Libra: Astrology, its technics and ethics. Amersfoort 1917, S. 37
  8. Erich Carl Kühr: Psychologische Horoskopdeutung. Chiron-Verlag, Mössingen 1997, II. Teil, S. 191
  9. Strauch-Leovitius: Astrologische Aphorismen, 1675, Hrg. A.M. Grimm, 1924, S. 205
  10. Vettius Valens: Blütensträusse. Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 2004, S. 172
  11. Neugebauer/ Van Hoesen: Greek Horoskopes. The American Philosophical Society, Philadelphia (USA) 1959, S. 8
  12. Al Biruni: The Book of Instruction in the Elements of the Art of Astrology. Astrology Classics, Bel Air (USA) 2004, S. 60
  13. William Lilly: Christliche Astrologie. Band 1 + 2. Chiron-Verlag, Tübingen 2007, S. 70
  14. Herbert Freiherr von Klöckler: Kursus der Astrologie. Band II. Bauer Verlag, Freiburg 1987. S. 125f
  15. Lilly, William: Christliche Astrologie. Band 3. Chiron-Verlag, Tübingen 2008, S. 56f.
  16. Lilly, S. 64, 79f.
  17. Schmitz, Oscar A.H., Der Geist der Astrologie, 1922, S. 186
  18. Howard Sasportas: Astrologische Häuser und Aszendenten, Knaur-Verlag, München 1987
  19. Christopher Weidner: Aszendent - Quelle der Kraft, Knaur-Verlag, München 2006
  20. Hajo Banzhaf; Haebler, Anna: Schlüsselworte zur Astrologie, Kailash (Hugendubel) München 2007, S. 124, ISBN 9783720560412
  21. Libra, Astrology 1917, hebt auf S. 37 noch die Differenz zum Deszendent hervor, dem Antipoden, der dem Aszendenten-Eigner, dem unmittelbaren Selbst gegenüber steht, z.B. im Form von Partnern, Ehepartnern und Kooperationen.
  22. Im Theater der griechischen und römischen Antike trugen die Schauspieler starre Masken. Persona kommt von per-sonare, lateinisch für "Hindurchtönen", weil durch diese Masken hindurch gesprochen wurde.
  23. Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde, Band 2, Seite 262 Abb. 12.
  24. ebenda S. 313-314
  25. So im Werk Symbolkreis der Schöpfung (Chiron-Verlag, Tübingen 2010) aus den frühen 1940er Jahren
  26. Wolfgang J. Denzinger: Die Entfaltung des Aszendenten. Freiburg 1996. S. 25f.
  27. Bruno Huber, Mondknoten-Astrologie. (mit Louise Huber) 328 Seiten. API-Verlag 2. Auflage 1993 ISBN 978-3855230082, S. 109.
  28. Alfred Witte: Die Aszendenten-Häuser, Die Häuser des Geburtsmeridians. In: Astrologische Blätter, 6. Jahrgang, April, Mai 1924, Heft 1, 2, S. 21-23, 55-60; nachgedruckt in: „Alfred Witte. Der Mensch - eine Empfangsstation kosmischer Suggestionen." Witte-Verlag Hamburg, 1975, Seite 78, 92, ISBN 3-920807-11-1
  29. Heymann, Dietrich von: „Wo ist der rote Faden? Leben zwischen Astrologie und Glauben. Lehrian Verlag, Wittnau, 1988, ISB 3-924770-02-6, S. 103