Georg Joachim Rheticus

Aus Astrowiki-de
Wechseln zu: Navigation, Suche
Georg Joachim Rheticus
Geburtshoroskop von Rheticus
Abbildung des Horoskops von Rheticus, wie es in der anonymen Handschrift CLM 27003 wiedergegeben ist. Da sich die angegebene Zeit immer auf die Mittagsstände bezieht, ergibt sich hieraus die Zeit von 01:51 Uhr LMT des Folgetages, damit der 16. Februar.
Weiteres handschriftliches Horoskop, erstellt von Nicolaus Gugler 1538, im Cod. lat. 7395 der Pariser Nationalbibliothek. Zeitangabe links: Ioach[imus] reticus alias 1514 die 16 febru[arii] M[inuta] 9 ante H[ora] 2 matutinam

Der Mathematiker, Theologe, Kartograph, Astronom und Astrologe Georg Joachim Rheticus (auch: Rhetikus, Rhaeticus) wurde am 16. Februar 1514 um 01:51 Uhr LMT in Feldkirch (Österreich) geboren. Er starb am 04. Dezember 1574 (oder 1576?) in Kaschau, damals Ungarn.[1] Sein eigentlicher Name war Georg Joachim von Lauchen.

Inhaltsverzeichnis

Geburtszeit von Rheticus

Als Quelle für die Geburtszeit gibt es zwei gleichlautende Angaben: zum Einen das nebenstehend abgebildete handschriftliche Horoskop der anonymen Handschrift CLM 27003, aber auch eine Analyse von Christian Paul Berger eines weiteren handschriftlichen Horoskops [2]. Er zitiert hier Karl-Heinz Burmeisters Rheticus-Biographie [3], in der dieses Horoskop abgebildet ist. Es entstammt der Handschrift des Wittenberger Studenten Nicolaus Gugler [4], einem Schüler von Rheticus. Die Vorlesungsmitschrift von Gugler ist als Handschrift Cod. lat. 7395 der Pariser Nationalbibiothek geführt. Berger kann von beiden angegebenen Geburtszeiten in dem Horoskop die erste, innen angegebene (03:26 Uhr am 16. Februar) schlüssig ausschließen, und die zweite, außen angegebene Uhrzeit lautet umgerechnet auf eben 01:51 Uhr LMT. Damit sind die in beide Horoskopen angegebenen Zeiten deckungsgleich.

Biographie

Rheticus ist der Sohn von Georg Iserin, dem Stadtmedicus von Feldkirch. Er lernte zunächst an der Lateinschule in Feldkirch, und studierte dann von 1528 bis 1531 in Zürich Mathematik, danach an der Universität Wittenberg, wo er sich 1536 den akademischen Grad eines Magisters der freien Künste erwarb. Durch die Patronage von Philipp Melanchthon wurde er 1537 Professor für Mathematik und Astronomie in Wittenberg. Im folgenden Jahr ermöglichte Melanchthon ihm eine längere Studienreise zu berühmten Mathematikern und Astronomen. In Nürnberg besuchte er den Mathematiker und Herausgeber Johannes Schöner und den Drucker Johannes Petreius, die ihn vermutlich beauftragten, Nikolaus Kopernikus zur Herausgabe seines Hauptwerkes in Nürnberg zu überreden. Zumindest gab ihm Petreius drei Bücher aus seinem Verlag als Geschenk für Kopernikus mit. Anschließend studierte er bei Peter Apian in Ingolstadt, Joachim Camerarius in Tübingen und Achilles Gasser in seiner Heimatstadt.

1539-41 verweilte Rheticus bei Copernicus in Frauenburg. Dann lehrte Rheticus in Wittenberg, Nürnberg und bis 1545 in Leipzig. Bis 1548 war er wieder unterwegs, er besuchte Hieronymus Cardanus in Mailand und begann ein Medizinstudium in Zürich. Wiederum auf Fürsprache Melanchthons wurde er in die theologische Fakultät in Leipzig aufgenommen. In Folge eines Skandals wegen einer Affäre mit einem seiner Studenten musste er Leipzig 1551 überstürzt verlassen und studierte danach Medizin in Prag. Ab 1554 lebte er in Krakau als praktizierender Arzt und zog kurz vor seinem Tod nach Kaschau in Ungarn.

Der Asteroid (Asteroidennummer 15949) Rhaeticus wurde 2001 zu seinen Ehren benannt.

Kopernikanische Wende

Rheticus trug zuerst und wesentlich zur Verbreitung des kopernikanischen Weltsystems bei und initiierte damit großenteils die kopernikanische Wende. Er war der einzige Schüler Kopernikus' und konnte ihn bei seinem Aufenthalt in Frauenburg davon überzeugen, sein Hauptwerk in Druck zu geben. Während dieser Zeit gab er die erste Mitteilung über dasselbe in der Narratio prima de libris revolutionum Copernici heraus. Auf dem Weg nach Nürnberg zur Einleitung des Drucks veröffentlichte er noch in Wittenberg den mathematischen Teil ergänzt durch von ihm berechnete Tafeln der Sinus- und Cosinusfunktionen.

Rheticus kümmerte sich dann drei Jahre später tatsächlich um die Drucklegung von Kopernicus' Hauptwerk in Nürnberg: ,,De revolutionubus orbium coelestium libri VI". Manfred Holl[5] weist darauf hin, daß Kopernikus keineswegs die Begeisterung seines Bewunderers teilte, sondern eher zögerlich und unentschlossen der Veröffentlichung zustimmte, wobei es neuerdings Autoren gibt, die der Auffassung sind, Rheticus habe die Freigabe zum Druck ohne Einwilligung des Verfassers erteilt! Die Korrektur der Druckfahnen des De revolutionibus musste er Andreas Osiander überlassen. Dieser nahm eine theologische Abhandlung Rheticus' über die Verträglichkeit des heliozentrischen Weltbilds mit der Heiligen Schrift heraus und ersetzte sie anonym durch ein von ihm verfasstes neues Vorwort, indem er das neue System als bloßes Rechenmodell vorstellte. Später gab Rheticus die Ephemeris ex fundamentis Copernici (Leipzig 1550) heraus.

Astrologie

Die Allgemeine Deutsche Biographie schreibt über Rheticus' Einstellung zur Astrologie: "Doch beweisen diese Titel noch mehr, daß R. ein Mann von ausgebreitetster Gelehrsamkeit war, von dem es umsomehr auffallen muß, daß er bis an sein Ende ein überzeugter Anhänger der Astrologie geblieben ist." [6].

Als astrologische Lehrer von Rheticus nennt Jesse Kraai (S. 7) [7] sowohl Johannes Volmar als auch Johannes Stöffler. Wie Kraai weiter ausführt, ist Rheticus' Astrologie vor allem von allen damals bedeutsamen antiken und arabischen Astrologen geprägt. Er war davon überzeugt, dass es eine physische Beeinflussung durch die Himmelskörper geben müsse, nämlich über das Licht und seine vier aristotelischen Qualitäten (warm, kalt, feucht, trocken), die für die Wirksamkeit verantwortlich seien.

Werke

  • In Arithmeticen Praefatio, Wittenberg 1536 Digitalisat der BSB München
  • Narratio prima de libris revolutionum Copernici, Danzig 1540 Digitalisat der LHL Kansas City. Neuausgabe bei Zeller 1965, 38 Seiten.
  • Tabula chorographica auff Preussen und etliche umbliegende lender, 1541. Zitiert in: Nicolaus Copernicus Gesamtausgabe Bd. VIII/1: Receptio Copernicana, S. 586. Akademie Verlag 2002 Digitalisat bei Google Books
  • Chorographia tewsch, 1541. Enthalten in: Nicolaus Copernicus Gesamtausgabe Bd. VIII/1: Receptio Copernicana, S. 77-87. Akademie Verlag 2002 Digitalisat bei Google Books (eingeschränkt)
  • N. Copernicus und Rheticus: De lateribus et angulis triangulorum; Vittembergæ: excusum per Iohannem Lufft, 1542
  • Tabulae astronomicae in gratiam studiosae iuventutis seorsim editae: de ascensionibus signorum: in sphaera recta et obliqua ad latitudinem 52. graduum ; Tabula declinationum ex solis per quadrantem ; Ordo climatum et parallelorum ex Ptolmaei sententia 1545 Digitalisat der BSB München
  • Ephemerides novae, Lipsiae: Ex officina VVolphgangi Gvnteri, anno 1550 Digitalisat der BVPB Madrid
  • Ephemerides Novae Seu Expositio Positus Diurni Siderum Et "synschematismōn" praecipuorum ad Ann. redemtoris nostri Iesu Christi Filij Dei, M. D. LI. Qui est primus annus Olympiados D. LXXXII. exquisita ratione & accurato studio elaborata. Lipsiae 1550.Digitalisat der SLUB Dresden
  • Prognosticon oder Practica Deutsch, auff das jar Christi M.D.LI. gestellet. Valentin Bapst, Leipzig 1550
  • Canon doctrinae triangvlorvm. Lipsiae 1551 Digitalisat der SLUB Dresden
  • Des Georg Joachim Rhetikus Erster Bericht über die 6 Bücher des Kopernikus von den Kreisbewegungen der Himmelsbahnen. Übersetzt und eingeleitet von Karl Zeller. 136 Seiten. Oldenbourg 1943.

Literatur

Dennis Danielson: The First Copernican: Georg Joachim Rheticus and the Rise of the Copernican Revolution. Walker & Company 2006. ISBN 0802715303

Quellen

  1. Biographische Daten weitgehend von Wikipedia übernommen
  2. Paul Christian Berger: Georg Joachim Rheticus’ Geburtshoroskop aus astronomisch-chronologischer Sicht, Montfort, 44, 1992 S. 144-150 Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek
  3. Karl-Heinz Burmeister: Georg Joachim Rheticus 1514-1574. Eine Bio-Bibliographie. Wiesbaden 1967/68 Bd. 1, S. 7.
  4. http://www.naa.net/ain/personen/show.asp?ID=218 Biographische Informationen zu Nicolaus Gugler: "Gugler studierte von 1536 bis 1538 in Wittenberg Astronomie und Medizin. Damit war er ein Schüler von Georg Joachim Rheticus (1514-1574). In der Pariser Nationalbibliothek hat sich sein Kollegheft von 1538 erhalten, das das Horoskop von Albrecht Dürer enthält (Cod. Lat. 7395)"
  5. http://www.manfredholl.de/rhaet.htm
  6. http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Rheticus,_Georg_Joachim_(2._Artikel)
  7. Kraai, Jesse: "Rheticus' Heliocentric Providence : a study concerning the astrology, astronomy of the sixteenth century", Heidelberg 2000 Digitalisat