Individualastrologie

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Synonym: Geburtsastrologie, Nativitätenastrologie, Genethlialogie

Die Individualastrologie ist derjenige Bereich der Astrologie, bei dem ein einzelner Mensch im Mittelpunkt der Deutung oder Prognose steht. Dazu gehören sein Radixhoroskop - auch Nativität genannt - und alle weiteren daraus abgeleiteten Horoskope. Historisch betrachtet hat sich die Individualastrologie wahrscheinlich im Zeitraum zwischen dem sechsten und dem ersten Jahrhundert vor Christus entwickelt. Bis zur Zeit des Römischen Reiches dürfte sie vorwiegend gekrönten Häuptern oder Priestern vorbehalten gewesen sein. Auch deren Horoskope gewannen ihre Bedeutung nur daraus, dass ihr Schicksal mit dem des Staates gleichgesetzt wurde. Für die Masse der Bevölkerung, selbst in gehobenen Positionen, war ein individuelles Horoskop hingegen undenkbar.

Die Betonung der Individualität durch die antike Philosophie und später die Neuzeit beeinflusste auch die Astrologie. Dieses Interesse für das individuelle Schicksal ging vermutlich einher mit der starken Verbreitung der Seelenwanderungslehre durch die Upanishaden, den Buddhismus und die pythagoräische und platonische Philosophie. So begann auch die Astrologie ihre Methoden zusehends auch auf einzelne Personen auszudehnen, auch wenn sie keine besondere Verantwortung für die Allgemeinheit trugen. Die ersten Werke über Astrologie aus der hellenistischen Zeit befassen sich hauptsächlich, wenn nicht fast ausschließlch, mit den Nativitäten. Lediglich Claudius Ptolemäus behandelt in seinem Standardwerk "Tetrabiblos" die Mundanastrologie vor der Nativitätenastrologie. Dies ist aber wahrscheinlcih dem aristotelischen Grundsatz zu verdanken, dass das Allgemeine dem Individuellen übergeordnet sei.

Heute ist die Individualastrologie so weit verbreitet, dass ihr Gegenpol, die Mundanastrologie, immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Das astrologische Wissen steht grundsätzlich jedem zur Verfügung, und auch materiell gibt es keine ernsten Hindernisse mehr, sich darauf einzulassen.


Geschichte

Zuerst gab es die Mundanastrologie (Universal-Astrologie). Es wurden einzelne Konstellationen beobachtet, beschrieben und gedeutet und zwar für Länder, Völker, Erdteile, den jeweiligen Herrscher (König, Fürst), das Wetter (Landwirtschaft), Naturkatastrophen, Kriege.) Das begann in Babylon. [1]

Von der Mundan-Astrologie zweigte sich in der letzten Phase der babylonischen Astrologie die Geburtsastrologie ab, die die (Tages-)Positionen der Planeten bei der Geburt deutete, wie es Funde belegen. Zitat: „Ein interessanter - und durchaus repräsentativer - Vertreter babylonischer Deutungstechnik ist das Horoskop für Anu-belsunu, das auf das Datum X.2 des Jahres 63 s. Ä., also den 29. Dezember 249 v. u. Z., ausgestellt wurde:"

1. Jahr 63 Tebetu, Abend des (?) zweiten Tages
2. Anu-belsunu wurde geboren.
3. An diesem Tag war die Sonne auf 9,30° Steinbock,
4. der Mond war auf 12° Wassermann: Seine Tage werden zahlreich sein.
5. Jupiter war am Beginn des Skorpion: Jemand wird dem Prinzen helfen.
6. [Das Kind (?)] wurde [i]m (?) Wassermann geboren mit/oder in der Region von (?) Venus: Er wird Söhne haben.
7. Merkur war im Steinbock; Saturn im Steinbock;
8. Mars im Krebs

Bei dem hier genannten Anu-belsunu handelt es sich um den Nachkommen eines bekannten «Schreibers von Enuma Anu Enlil», der selber als Autor astrologischer Texte hervorgetreten ist. Man kann daraus schließen, dass in seleukidischer Zeit Horoskope nicht nur für den König erstellt wurden, sondern auch für Individuen der gehobenen Schichten."[2] Von einer Geburtshoroskop-Astrologie, mithin vom einem Horoskop mit Aszendent, Horoskop-Häusern und Aspekten, kann man aber nicht sprechen[3] (wie man gut erkennen kann); diese wurde erst mit der hellenistischen Astrologie entwickelt[4][5]

Die Geburtsastrologie kam frühestens um 440 v.Chr. nach Griechenland, und wurde insbesondere während der Seleukidenzeit (3. und 2. Jahrh. v.Chr.) begierig von den Griechen aufgenommen. Sie entwickelten in eigener Weise die von den Babyloniern übernommene Vorlage weiter, unter Hinzunahme der Gedanken von Platon, Eudoxus und Aristoteles, der Berechnungen von Hipparch (Präzession), der griechischen Geometrie, Arithmetik und Mythologie[6]. Damit waren die Grundlagen für die Berechnung z. B. eines Geburtshoroskopes gegeben, ebenso für die Aspekte-Deutung etc.

Die umfangsreichsten Werke aus der hellenistischen Zeit, die uns die individuelle Geburtshoroskop-Astrologie vermitteln, sind - in chronologischer Reihenfolge - das "Carmen astrologicum" von Dorotheos von Sidon, die "Anthologie" in neun Büchern von Vettius Valens, der Tetrabiblos von Claudius Ptolemäus und die "Matheseos libri octo" von Firmicus Maternus. Vor allem die ersten drei genannten Werke bilden die Ausgangsgrundlage für alle später sich bildenden Astrologieschulen mit ihren verschiedenen Methoden, die je nach Anspruch und Ziel auch verfeinert wurden.

In der persich-arabischen Astrologie wurde die Nativitätenastrologie der Griechen überliefert und weiterentwickelt. Gleichwohl erlangte in dieser Epoche die Stundenastrologie große Bedeutung, und erhielt in manchen zentralen Werken wie dem "Buch über die Urteile der Sterne" von Ali ben Ragel (Abenragel) sogar Vorrang vor der Indvidualastrologie.

Als im Spätmittelalter und der Renaissance die Astrologie in Europa ihre Blütezeit erfuhr, behielt die individuelle Geburtsastrologie weiterhin eine zentrale Stellung. Das immer wieder gespannte Verhältnis zur christlichen Theologie führte aber dazu, dass denjenigen Gebieten der Astrologie, die sich mit den mehr physischen Aspekten unserer Existenz befassen, ebenfalls viel Raum gegeben wurde. Das waren vor allem die Astromedizin - die als ein Teilbereich der Individualastrologie betrachtet werden kann - und die astrologische Wetterprognose.

Die moderne Astrologie, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, hat ihren Schwerpunkt eindeutig in der Individualastrologie. Diese Entwicklung wurde insbesondere auch durch die neuen spirituellen Strömungen dieser Zeit via der Theosophie von Helena Petrovna Blavatsky, sowie durch die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie begünstigt und wesentlich bereichert. Vor allem das Werk von Carl Gustav Jung hat einen großen Einfluss auf die moderne psychologische Astrologie ausgeübt.

Quellen

  1. Westenholz, Ulla-Koch: Mesopotamien Astrology. An Introduction to Babylonian and Assyrian Celestial Divination. Museum Tusculanum Press, Copenhagen 1995, ISBN 8772892870, ISSN 0902 5499
  2. Francesca Rochberg: Babylon Horoscopes. Philadephia 1998, 79-81, in Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2003, S. 68-69, ISBN 3406509053
  3. Francesca Rochberg: Babylonian Horoscopes. American Philosophical Society, Philadelphia 1998, S. 2.
  4. James Herschel Holden: A history of Horoscopic Astrology. American Federation of Astrologers, Tempe (USA) 2006, S. 9
  5. Grundlagenwerk zu den Geburtshoroskopen der hellenistischen Astrologie: Neugebauer/ Van Hoesen: Greek Horoskopes. American Philosophical Society, Philadelphia 1959 (2. Auflage 1987 erschienen).
  6. B. L. van der Waerden: Erwachende Wissenschaft. Band 2. Die Anfänge der Astronomie. Birkhäuser Verlag, Basel 1999, S. 247-248, ISBN 3764311967
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