Marsilio Ficino

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Ficino auf einem Gemälde von Ghirlandaio[1].
Marsilio Ficino: Geburtshoroskop

Der Italiener Marsilio Ficino (latinisiert Marsilius Ficinus), einflussreichster Humanist des 15. Jahrhunderts, wurde am 28. Oktober 1433 (greg.) um 13:26 LMT (entspricht 12:40 Uhr GMT) in Figline Valdarno bei Florenz geboren.
Er lebte in Florenz und starb am 1. Oktober 1499 (greg.) in Careggio[2].

Biografisches

Er war Arzt (ein Beruf, der zur damaligen Zeit wie selbstverständlich Astrologie beinhaltete), Philosoph, Dichter und Musiker. Gefördert von der Fürstenfamilie der Medici, fertigte er schon in jungen Jahren eine vollständige (lateinische) Übersetzung Platos an; darüber hinaus übersetzte er etliche hermetische Schriften (die man dem sagenhaften Hermes Trismegistos zuschrieb), sowie den Neuplatoniker Plotin (er popularisierte dessen Lehre von den Emantionen (= Ausströmungen aus dem göttlichen "Einen"), und nicht zu vergessen: Pythagoras. Ficino war Vertreter eines christlichen Platonismus und Mittelpunkt einer (neuerlichen, virtuellen) "Platonischen Akademie"[3], deren Mitglieder sich - trotz aller persönlichen und weltanschaulichen Differenzen - als Humanisten-Gemeinschaft einander verbunden fühlten durch ihr jeweiliges Gegründetsein in Gott - getreu dem Ideal der Platonischen (= göttlichen) Liebe. Er plädierte für eine "prisca theologia" (Ur-Theologie), wurde spät noch Priester, bekam es gegen Ende seines Lebens aber dennoch mit der Inquisition zu tun bzw. wurde gerade wegen seiner Astrologie der Häresie verdächtigt.

Philosophie

Humanismus

Bildnis des Marsilio Ficino von Leonardo da Vinci.

Im ausgehenden Mittelalter wurden viele verschüttete antike (insbesondere griechische) Quellen wiederentdeckt. Dies veränderte grundlegend das Denken der Zeit. Man stellte andere und undogmatische, d.h. nicht mehr nur kirchlich gebundene Fragen. Die klassischen theologischen Texte wurden angezweifelt - unter Rückbezug auf noch ältere, "höhere" Autoritäten. Neue, unvoreingommene Überlegungen und Beobachtungen kamen auf und bereiteten den Weg u.a. für die moderne Naturwissenschaft. Neben dem die früheren Forscher erleuchtenden "Licht der Schrift" akzeptierte man nun auch ein "Licht der Natur" - sowie das sog. "innere Licht". Damit einher ging ein neues Selbstverständnis. Als Ebenbild Gottes sollte und durfte der Mensch nunmehr mündig und schöpferisch sein. Individuelle Freiheit und Würde rangierten in der Werteskala ganz oben. Erziehung und Bildung wurden für außerordentlich wichtig erachtet. Eine fast schwärmerische Romantik erwachte: plötzlich war subjektive Meinung gefragt, d.h. auch seine jeweiligen Erlebnisse und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Der Blick der Zeit war grundsätzlich auf Positives in Welt und Mensch gerichtet, gerade auch auf die Entfaltung des persönlichen Entwicklungspotentials.

Zugleich wurden in der Kunst der Renaissance vormalige Grenzen überschritten, neue Proportionen entdeckt bzw. neue Perspektiven aufgetan. Im Wiederaufleben der hellenistischen Traditionen waren durchaus freizügige Darstellungen des menschlichen Körpers möglich. Die ersten Selbstporträts entstanden; mit ihrem neuen Selbstbewusstsein arbeiteten die Künstler nicht mehr nur zur Ehre Gottes, sondern signierten "blasphemisch" ihre Werke. Insgesamt war es eine liberale, für Unorthodoxes offene und tolerante Zeit; weniger moralisch, mit einer freieren Liebe, lockeren Sitten - was erst mit den Religionskriegen bzw. durch Reformation und Gegenreformation wieder eine dogmatische Verengung erfuhr.

Ein Mitbringsel des humanistischen Rückgriffs auf vorchristliche Quellen war auch die polytheistische "Götterreligion" der Astrologie - welche in der Folgezeit einen enormen Aufschwung nahm: im 16. Jahrhundert hielten sich sogar die Päpste Astrologen!. Die Astrologie wurde nicht mehr nur pauschal als gnostische Irrlehre verunglimpft (wie weiland vom Kirchenlehrer Augustinus), sondern galt zumindest als Mantik (als Erkenntnisinstrument) legitim; lediglich die Praxis der Prognostik wurde nach wie vor skeptisch beäugt.

Die "wiederentdeckte" Hermetik (s. Hermes Trismegistos) animierte generell die Forscher und Denker der Zeit, emanzipierte sie von der erstarrten, verkrusteten mittelalterlichen Scholastik. Die Sternenlehre wurde gewissermaßen zum "Latein der Wissenschaftler", zur theoretischen Grundlagenwissenschaft, welcher die Gebildeten ganz Europas anhingen. Humanismus und Renaissance ermöglichten neue, dem überlieferten Aristotelismus fremde Fragestellungen und Hypothesen. Sie förderten eine analytische, der Welt zugewandte Empirie - insbesondere auch eine sachlich-beobachtende bzw. die Gestirnsstände exakt berechnende Astronomie. Insofern waren die uralte Astrologie, die "natürliche" Magie und die Experimente der Alchemie maßgebliche Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft[4]. Aus der neuen theologischen Warte des Humanismus (s. etwa Erasmus von Rotterdam) galt die Welt nicht mehr nur als zu überwindender, dunkler Schatten Gottes bzw. als sündhaftes, schuldverstrickendes Reich Satans. Die materielle Welt wurde positiv gesehen - als Schöpfungswerk, d.h. als prinzipiell der Untersuchung und Erforschung wert; selbiges galt für den einzelnen Menschen, für die individuelle Seele[5].

Neoplatonismus

Plotin (205 - 270), der Begründer des Neoplatonismus, hatte das Vorhandensein eines unbeschreiblichen Einen (griech. hén) gelehrt, das in der absteigenden Reihenfolge seines Niedergangs in den Seinsstufen des Weltgeistes (griech. noûs), den platonischen Ideen, in der Weltseele (anima mundi) und schließlich in der physischen Welt (griech. kosmos) zum Ausdruck komme.

Die Himmelssphären im Mittelalter.[6]
Proklos (412 - 485) schuf in der Spätantike eine Verbindung von Neoplatonismus und Astrologie. Er entwickelte Platos Ideen- und Emanationenlehre systematisch weiter (mit spezifischen Zuordnungen - "Affinitäten" bzw. "Sympathien"), stellte dabei feine Analogieketten auf (welche "Verwandtschaften" beschrieben, ohne dahinter befindliches Kausalverhältnis) bis ins Mineralreich hinab, mit den Planeten als Ausgangsgrundlage - als Prinzipien, die jeweils einen gemeinsamen Sinn stifteten.

Diese Art Katalogisierung der Naturphänomene wurde von den Naturphilosophen das ganze Mittelalter hindurch vollzogen. Von Pseudo-Dionysos christianisiert, prägte die hierarchische, pyramidenförmig gedachte Stufenordnung des Neoplatonismus das mittelalterliche Weltverständnis (mit seiner Rangordnung der Engel und Sphären). In dieser kosmischen Ordnung hatte alles seinen geregelten, fest umrissenen Platz. Noch Meister Eckehart hing dieser im Grunde "heidnischen" Philosophie an; seinen Höhepunkt erlebte der Neoplatonismus jedoch in der Formulierung Ficinos. In dessen Kosmologie strömt Gott oder das "Eine" sonnengleich aus und schafft so schrittweise das Universum - angefangen von den Ideen oder Urbildern bis hin zu den Gegenständen der irdischen Welt. Der himmlische "Strahl" steigt in Stufen herab und verzweigt oder differenziert sich dabei zur Vielfalt der Schöpfung. Dies bedeutet, dass alles Geschaffene wesentlich teilhat am Ursprung bzw. Göttlichen. Alle Dinge sind durch ein geistiges Band verbunden; zwischen Materie und Geist besteht ein Kontinuum (gradueller Übergang). Vertreten wird somit ein Monismus (statt Dualismus) - d.h. dass letztlich nur ein einziges Prinzip (das Eine, Göttliche, Gute) die Welt beherrsche. Ficino ersetzte bei seiner Assimilation des klassischen Neoplatonismus das transzendente "Eine" durch den - über allem stehenden - christlichen Gott. Zugleich sah er aber auch etliche Parallelen zwischen der hellenistischen und der biblischen Tradition, die er zurückführte auf eine beiden gemeinsame Uroffenbarung, die sog. philosophia perennis. Den Kosmos verstand er als einheitlichen Organismus, als im Grunde lebendiges Wesen. In diesem fungierten die Gestirne als "Augen", als Konzentrationspunkte des Himmels - deren Qualitäten die gesamte Schöpfung durchzögen. Die sog. astralen Mächte (jene die Sphären bewegenden Engel oder Daimones) galten ihm als nützliche Mittler zwischen Gott und Mensch. Magie verstand er als die profunde Kenntnis und selbstverständliche Anwendung dieser okkulten Kräfte. Auch die Erde hielt er für ein beseeltes, lebendiges - und in Entwicklung befindliches - Wesen. Sie war Abglanz des Göttlichen, nicht bloß niedrigste Schöpfungsebene[7]. Für ihn war der Mensch in seinem Wesen gut und stets unterwegs zu Gott.

Noch Paracelsus, Kepler, Giordano Bruno und Goethe waren von Ficino und dem Neoplatonismus beeinflusst:

Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen, und sich die goldnen Eimer reichen!
(Goethe, Faust I)
Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken?
(Goethe, Xenien)

Psychologie

Im menschlichen Geist unterschied Ficino die Intuition, eine Ganzheits- bzw. Einheitsschau, von der Scientia, dem logisch-kausalen und analytischen Wissen. Und Erkennen bestand für ihn ganz in Platos Tradition in einer Art "Erinnern" - nämlich eine äußere Wahrnehmung mit der inneren Idee zur Deckung zu bringen. Richtiggehend modern (als Vorwegnahme der Hermeneutik Diltheys) mutet folgende Überlegung von ihm an: indem die Seele die Dinge denke und liebe (d.h. sich mit ihnen identifiziere/ damit eins werde), verstehe sie diese erst richtig - und verändere sie zugleich, wirke so auf sie ein...[8]

Schon Plotin sagte: "Das Schlechte als solches existiert nicht; es ist nur ein Mangel - eine Einschränkung, Abschwächung oder Verdunkelung (bzw. Zersplitterung, lt. Jamblich) des Guten."[9]

Der menschlichen Seele kam in Ficinos Evolutions- bzw. Welterlösungslehre eine Schlüsselrolle zu: schließlich war die Rückkehr des emanierten, in der materiellen Vielfalt zerstreuten bzw. "verunreinigten" Schöpfungsstrahls nur möglich über die tatkräftige Mitwirkung des Individuums bzw. über dessen (Selbst-)Bewusstwerdung.[10] Die Seele ist für ihn "das größte aller Wunder in der Natur. Die übrigen Dinge unter Gott sind je ein einziges (partikulares) Wesen, sie aber ist alles zumal (d.h. universal). Sie besitzt in sich die Abbilder der göttlichen Dinge, von denen sie selbst abhängt, sowie die Begriffe und Urbilder der niederen Dinge, die sie selbst in gewisser Weise hervorbringt. Und da sie die Mitte aller Dinge ist, so besitzt sie die Kräfte von allen."

Ficinos Astrotherapie

Da unter der Planetenherrschaft Saturns stehend (Saturn maximalbedeutsam am Aszendenten) , beklagte sich Ficino in Briefen oft bitterlich über die Gemütskrankheit der Melancholie - d.h. über Zustände der Depressivität (ein Übermaß an sog. "schwarzer Galle", siehe auch Körpersäfte (Humores) und Temperamente). Doch war diese Schattenseite seines Privatlebens zugleich der Quell ausgesprochen lichter Momente: seine Schwermut war Ausgangspunkt der inneren Erfahrung; er begriff die chronische Traurigkeit als Heimweh seiner Seele nach ihrem göttlichen Ursprung. Er erlebte seine Düsternis und Bedrücktheit als dunklen Urgrund von Genialität und Erleuchtung, ja sogar als Voraussetzung eksatischer Verzückung. Ihm wurde klar, dass jedes bewusste Erleben von Kummer die Seele auf eine höhere Ebene hebt - hin zu mehr Tiefe und Weisheit, weg vom flüchtigen materiellen Schein, hin zu wahrer Freude; sein Weltschmerz mündete letztlich in eine Suche nach Gott. Sobald er sich in die (saturninen) Notwendigkeiten fügte, war er befreit vom Fluch des "Dämons" Saturn. Entsprechend empfand er den damals äußersten bzw. obersten Planetengott Saturn als ambivalent oder polar: einerseits als Stumpf- und Irrsinn, aber auch als Inbegriff höchster, geistigster Qualitäten. Eine Saturn-Problematik sah er heilbar durch eine aktive Zuwendung zu Saturn-Inhalten, indem sich etwa ein Kranker gezielt Geistigem widmete, seine schwere Bürde freiwillig auf sich nahm; indem er willentlich oder präventiv Saturn-Bereiche aufsuchte, sich in deren Energien einfühlte bzw. einstimmte ("attuning" lt. moderner New-Age-Terminologie). Aus heutiger Sicht verhält sich dies so, dass durch konstruktive Auseinandersetzung mit spürbar anstehenden Themen psychische Prozesse in Gang gesetzt, dabei die jeweiligen (planetaren) Energien gewissermaßen sublimiert, homöopathisch verfeinert werden.

Dürers Melencolia I.

Ficino hielt den Menschen für grundsätzlich frei und selbstbestimmt - er stehe jenseits der Gestirnskräfte, könne deren Einflüsse mittels Vorstellungskraft (imaginatio) und Meditation (contemplatio) steuern. Die astrologischen Signaturen verstand er nicht als "Kerker der Seele", sondern als hilfreiche und sinnvolle Wegweiser zur persönlichen Entfaltung. Damit überwand er den gnostischen, arabischen und mittelalterlichen Determinismus bzw. Fatalismus. In Dürers Kupferstich Melencolia I fanden Ficinos Überlegungen zu Saturn beredten Ausdruck, wurden des Planeten Licht- und Schattenattribute schön illustriert. Trübsinn wandelt sich hier zu Verinnerlichung und Besinnung, zur geistigen Aktivität. Positiv betrachtet, verleiht Saturn nunmal auch Geduld, Konzentrationsgabe und ein gutes Gedächtnis; zudem verkörperte er damals die höchste Denkkraft, für Ficino den reinen Geist bzw. Genius - nicht nur den Dämon.[11]

Auch Barbara Schermer, die Pionierin der "erfahrbaren Astrologie", beruft sich heute explizit auf Ficino[12].

Bibliographie (Auswahl)

Sekundärliteratur

  • Kristeller, Paul: Die Philosophie des Marsilio Ficino, Frankfurt /M. 1972
  • Yates, Frances: Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes, Stuttgart 1975
  • Moore, Thomas: The Planets Within: The Astrological Psychology of Marsilio Ficino. 228 Seiten, Lindisfarne Books; Neuauflage 1993 ISBN-10: 0940262282 ISBN-13: 978-0940262287

Weblinks

englischsprachig:

Hermes Trismegistos in einer Intarsie (Einlage) des Fußbodens vom Dom zu Siena (1480er Jahre).

Quellen und Anmerkungen

  1. 1490 abgeschlossen.
  2. AstroDatabank
  3. in der vor allem der Astrologie-Kritiker Pico della Mirandola herausragte
  4. s. Literatur Yates; s.auch Pioniere neuzeitlicher Astrologie (Richard Vetter)
  5. weshalb beispielsweise auch immer mehr Persönlichkeitshoroskope gefragt waren
  6. Schedelsche Weltchronik, 1493
  7. Wenige Generationen nach ihm sprach Luther (trotz des mäßigenden Einflusses seines Freundes und Ficinoliebhabers Melanchthon) wieder von der Erde als "Sündenpfuhl", bezeichnete den Menschen als "durch und durch verderbt"...
  8. Liebe verstand er übrigens durchaus auch körperlich.
  9. Als Anthropologie lebte diese Sichtweise in den 1960er Jahren wieder auf in der (grundsätzlich guten) "inneren Natur" des Psychologen A. Maslow bzw. in der Humanistischen Psychologie, die ihrerseits rezipiert wurde von Dane Rudhyar und seiner "Humanistischen Astrologie".
  10. Er vertrat sogar eine Art "Seelenwanderung": dass die Seele vor der Geburt und nach dem Tod durch die verschiedenen Planetensphären reise.
  11. Dass in des Saturn Jammertal auch allopathische Mittel von Nutzen sein können, wird angedeutet durch das zur Beschwörung des astralen Gegenspielers angebrachte magische Zahlenquadrat Jupiters im Hintergrund.
  12. Barbara Schermer, Ancient Roots: Nothing New Under the Sun, in: The Mountain Astrologer, 4/ 5 1998, p. 28-36