Tibetische Astrologie

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Der Tibetische Tierkreis

Geschichte und Philosophie

Die Tibetische oder Tibetanische Astrologie (དཀར་རྩིས, dkar rtsis) ist eine Synthese aus den unterschiedlichen Systemen der indischen und der chinesischen Astrologie, welche jeweils weiterentwickelt bzw. abgewandelt wurden.[1]Hinzu kommen spezifisch tibetische Elemente, die das Verständnis der Zeit und die Anwendung der Astrologie betreffen. Deren Aufgabe ist, gemäß dem Kalachakra Tantra insbesondere, die jeweiligen karmischen Bande zu erkennen; ihnen zu entkommen, im buddhistischen Sinne den Samsara-Kreislauf zu überwinden, ist aber nur möglich durch Meditation oder Konzentration auf das Selbst. Die Astrologie gibt den Tibetern wertvolle Auskünfte, wo die Schwächen eines Menschen liegen, und wo er Unterstützung benötigt. So gesehen geht sie über eine reine Prognose hinaus und dient mehr als die anderen asiatischen Schulen auch dazu, psychische Muster und Prozesse eines Individuums zu diagnostizieren und zu dessen Heilung beizutragen.

Besonderheiten

Das tibetanische Kalachakra-Mandala (Rad der Zeit)

Tierkreis

Wie die indische Astrologie, so arbeitet auch die tibetische mit dem siderischen Tierkreis; dieser besitzt jedoch einen eigenen Ayanamsha-Wert. Dabei weisen die tibetischen Bezeichnungen der Zeichen große Paralellen zu den westlichen Sternbildern auf: Widder entspricht dem "Schaf", Zwillinge der "sexuellen Vereinigung", Krebs dem "Frosch", Jungfrau dem "Mädchen", Schütze dem "Bogen", Steinbock bzw. "Ziegenfisch" dem "Seeungeheuer", Wassermann der "Kanne" oder "Vase". Stier, Löwe, Waage, Skorpion und Fische heißen genauso wie bei uns. Das Wassermannzeitalter beginnt aber erst im 24. Jahrhundert.[2]

Planeten und Häuser

Die Vorlage für die Horoskopzeichnung ist rechteckig, die Häuser sind äqual (Häusersystem) und werden im Uhrzeigersinn eingetragen. Für die Deutung werden die sieben klassischen Planeten sowie die Mondknoten hinzugezogen; die neu entdeckten geistigen Planeten Uranus, Neptun und Pluto spielen auch heute noch nur eine untergeordnete Rolle; in vielen Horoskopen erscheinen sie gar nicht. Dafür tritt - als "zehnter Planet" der Encke-Komet auf.[2]

Mondstationen

Der Mond ist wie in der indischen Tradition von großer Bedeutung. Die Legende vom Mond mit seinen 27 Häusern oder Frauen, die er bei seinem Lauf durch den Tierkreis besucht, erfuhr in Tibet eine leichte Abwandlung. Dort begegnet der Mond auf seiner Reise 28 Göttinnen in ihren Palästen, doch um mit dem astronomischen Ereignis am Himmel im Einklang zu bleiben, wurden zwei Paläste zusammengelegt, sodass es auch 27 Mondhäuser gibt. 28 ist jedoch eine wichtige Zahl für die Tibeter. Sie steht für die vier Könige der vier Himmelsrichtungen und die sieben Tage oder Planeten. Jeder der vier Könige hat sieben Töchter, deren Paläste um den Weltenberg Meru herum liegen. Meru, der mythische Berg im Zentrum des Universums, wird häufig mit dem Tierkreis gleichgesetzt. Jeder der 27 "Paläste" hat eine andere Prägung und wird zur Deutung von Charakter und Zukunftsaussichten eines Individuums herangezogen.

Manjushri (Merkur), Bodhisattva des Wissens und des Lernens oder Buddha der Weisheit. Schutzgottheit auch der Astrologen.

Medizin

Eine wichtige Rolle spielt die Astrologie in der tibetischen Heilkunde; die beiden sind eng miteinander verbunden. Darauf weist bereits der Name Men-Tsee-Khang ("Tibetisches Medizinisches und Astrologisches Institut") hin, welches in der nordindischen Exilhauptstadt Dharamsala[3] das traditionelle Heilwissen der Tibeter pflegt. Die tibetische Medizin sieht im menschlichen Körper das Abbild des Makrokosmos. Der Mensch besteht danach aus den drei Grundelementen Wind, Galle und Schleim. Wind symbolisiert Luft und Sauerstoff; Galle Feuer und Körperwärme; Schleim Wasser und Lymphe. Wenn diese sich miteinander im Einklang befinden, ist der Mensch gesund. Krankheit signalisiert immer ein zerstörtes Gleichgewicht, das es wiederherzustellen gilt. Ursache dafür sind in buddhistischer Psychologie die drei Grundübel Gier, Hass und Unwissenheit. Zu viel Gier sorgt für ein Übermaß an Wind, Hass für ein Übermaß an Galle; Unwissenheit für ein Übermaß an Schleim.

Kalender

Die Grundlage für die Zeitrechnung stammt aus der chinesischen Tradition. Die Vorstellung, dass zehn Himmelsstämme - die Energien der Elemente oder Planeten - und zwölf Erdäste - der Zyklus der Zeit - unser Dasein prägen, veranlasste die Tibeter dazu, neben dem individuellen Tierkreis die Zuordnung von Jahren (s.u.), Monaten, Tagen und Doppelstunden zu einem bestimmten Zeichen und Element ähnlich zu vollziehen. Im Alltag setzte sich durch, dass jedes Jahr von einem bestimmten Tierkreiszeichen regiert wird, das günstige oder ungünstige Eigenschaften aufweisen kann.

Für die Berechnung der Zeit entwickelten die Tibeter ihr eigenes, von den Chinesen unabhängiges System. Ihr Zeitverständnis ist zyklisch ausgerichtet. Die lineare Zählung von Jahren hat sich erst unter dem Einfluss ausländischer Mächte durchgesetzt. Ursprünglich bestand ein Jahr aus zwölf Monaten zu dreißig Tagen. Um am Jahresende die fehlenden 5 1/4 Tage aufzuholen, wurde jedes dritte Jahr ein Schaltmonat von 16 Tagen eingefügt. Da das Jahr nach den zwölf Tierkreiszeichen und den fünf Elementen in männlicher und weiblicher Form benannt ist, dauert ein Zyklus zweimal sechzig Jahre (s. Tabelle unten). Als Beginn des Zyklus gilt das Jahr 1027 unserer Zeitrechnung, zu dem das Kalachakra-Tantra, das so genannte Rad der Zeit, aus dem Sanskrit ins Tibetische übertragen wurde.

In der konkreten astrologischen Praxis wird die Lebensspanne nach indischem Vorbild in neun ungleich große Epochen eingeteilt, die von den sieben klassischen Planeten sowie dem aufsteigenden und dem absteigenden Mondknoten beherrscht werden, und individuell unterschiedlich sind. Diese Zuordnung führt zu sehr konkreten Prognosen in Bezug auf beruflichen und finanziellen Erfolg, die Gesundheit und die persönliche Lebensgestaltung.

Anwendung finden auch magische Zahlen-Quadrate, explizit zum Herausfinden früherer und künftiger Leben (Reinkarnationen).[2]

Jahre 2000-2020

Der traditionelle tibetische Kalender beruht auf dem indischen Lunisolarjahr. Seine Berechnung setzt die Kenntnis komplizierter astronomischer Kalkulationen voraus, wie etwa der Mittelpunktsgleichungen von Sonne und Mond. Das Neujahrsfest heißt Losar und fällt in den Februar oder März, meist vier Wochen später als in China. Es wird in Tibet also in der Regel einen Neumond nach den Chinesen gefeiert.

Jahr Neujahr Element und Tier
2000 5.-7. Februar Metall Drache (männlich)
2001 24.-26. Januar Metall Schlange (weiblich)
2002 12.-14. Februar Wasser Pferd (männlich)
2003 1.-3. Februar Wasser Schaf (weiblich)
2004 22.-24. Januar Holz Affe (männlich)
2005 9.-11. Februar Holz Hahn (weiblich)
2006 30. Januar – 1. Februar Feuer Hund (männlich)
2007 18.-20. Februar Feuer Schwein (weiblich)
2008 8.-10. Februar Erde Ratte (männlich)
2009 27.-29. Januar Erde Büffel (weiblich)
2010 12.-14. Februar Metall Tiger (männlich)
2011 5. März Metall Hase (weiblich)
2012 22. Februar Wasser Drache (männlich)
2013 11. Februar Wasser Schlange (weiblich)
2014 2. März Holz Pferd (männlich)
2015 18./ 19. Februar Holz Schaf (weiblich)
2016 8. Februar Feuer Affe (männlich)
2017 28. Januar Feuer Hahn (weiblich)
2018 15./ 16. Februar Erde Hund (männlich)
2019 5. Februar Erde Schwein (weiblich)
2020 25. Januar Metall Ratte (männlich)

(Notiz: Der genaue Termin des Losar hängt von der jeweiligen Zeitzone ab. Das Tibetanische Neujahr beruht auf einem fluktuierenden Punkt, der Anfang Februar am nächsten ist.)

Weblinks

Tibetisches Horoskop

Literatur

  • Cornu, Philippe: Handbuch der tibetischen Astrologie, Theseus, Berlin 1999

Quellen und Anmerkungen

  1. Die indischen Einflüsse, die im elften Jahrhundert ins Land kamen, sind allerdings stärker.
  2. 2,0 2,1 2,2 Nach Alexander Berzin.
  3. Wo in den 1970er Jahren auch Hans Taeger studierte.