Zeit

Aus Astrowiki-de
Wechseln zu: Navigation, Suche

"Was Zeit ist, weiß ich, solange ich nicht darüber nachdenke; wenn ich es aber erklären soll, bin ich ratlos und kann es nicht", klagte der Kirchenvater Augustinus schon vor mehr als anderthalb Jahrtausenden.

Chronos und Kairos

Für die Astrologie ist es jedoch von entscheidender Bedeutung zu verstehen, was Zeit ist. Bis zur Antike gab es zwei verschiedene Arten, die Zeit wahrzunehmen: die Quantität (griechisch chronos) und die Qualität (griechisch chairos). Letzterer lag die Vorstellung zugrunde, dass ein Moment niemals wie ein anderer ist. Beide Wahrnehmungsweisen ergänzten sich, während uns heute nur noch chronos vertraut ist. Die Quantität beinhaltet die Messung der Zeit. Sie geht auf das menschliche Bedürfnis zurück, die subjektive Erfahrung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu systematisieren. Als Basis für die Messung dienen astronomische Phänomene wie die Erdrotation (Drehung der Erde um sich selbst), die einen Tag ausmacht, sowie die Erdrevolution (Drehung der Erde um die Sonne), die ein Jahr dauert. Zwar haben Präzisionsuhren nachgewiesen, dass beide Drehbewegungen nicht ganz regelmäßig erfolgen, doch haben sie ihre grundlegende Funktion bei der Zeitmessung dadurch nicht verloren. Beide Einheiten können heute so sehr unterteilt oder ausgedehnt werden, dass sich die Dimensionen der menschlichen Wahrnehmung und Vorstellungskraft entziehen.

Die Astrologie hat sich das Verständnis von chairos, der Qualität der Zeit, erhalten, das in der physikalischen wie in der kulturphilosophischen Betrachtung der Zeit keine Rolle mehr spielt. Möglicherweise geht die Wahrnehmung von der unterschiedlichen Zeitqualität auf die verschiedenen Mondphasen zurück. Die Erkenntnis, dass sich der gleiche Himmelskörper in immer unterschiedlicher Form zeigt, bisweilen sogar vollkommen verschwindet und wiederkehrt, zählt zu den grundlegenden Erfahrungen der Menschheit. Offenkundig beschränkt sich die Wandlung des Mondes nicht nur auf Äußerlichkeiten. Daraus erwuchs die Einsicht, dass es für jede Aktivität und jedes Unternehmen, einschließlich der Geburt, günstige und ungünstige Voraussetzungen gibt. Wenn sich etwas verwirklichen soll, muss die Zeit dafür "reif" sein, und zwar nicht im Sinne von Quantität. Wird der "falsche" Zeitpunkt gewählt, sind die Schwierigkeiten erheblich größer, das angestrebte Ziel zu erreichen. Die Konstellationen der Planeten sind eine Art, die Qualität der Zeit zu bestimmen und daraus praktische Schlüsse zu ziehen.

Eines der schönsten literarischen Zeugnisse vom Wissen um die Qualität der Zeit ist aus dem Buch Prediger, Kapitel 3, 1-8 des Alten Testamentes überliefert:

"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, das gepflanzt ist,
Würgen und heilen, brechen und bauen, Weinen und lachen, klagen und tanzen,
Steine zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
Suchen und verlieren, behalten und wegwerfen,
Zerreißen und zunähen, schweigen und reden,
Lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit."


Zyklisch und Linear

Für die Bewegung der Zeit gibt es zwei verschiedene Konzepte, das lineare und das zyklische. Das lineare prägt vor allem das christlich-abendländische Weltbild und daraus resultierend das Fortschrittsdenken der Industrienationen. Danach gibt es einen Anfang und ein Ende der Zeit. Alles bewegt sich auf dieses Ende hin, und es gibt dabei einen unaufhaltsamen Fortschritt. Für das Christentum steht der Schöpfungsakt Gottes am Anfang und die Wiederkehr Christi am Ende der Zeit, eine Vorstellung, die vor allem auf Augustinus zurückgeht.

Das zyklische Denken prägt die asiatischen Religionen des Hinduismus und Buddhismus. Danach ist der Lauf der Zeit ein unendlicher Kreis, der periodisch immer wiederkehrt. Es gibt kein Ziel, das angesteuert wird; das letzte Streben des Menschen ist darauf gerichtet, aus diesem Kreislauf herauszukommen.

Die Physik betrachtet die Zeit seit Einstein auch als vierte Dimension, neben dem Punkt, der Geraden und dem Raum. Seine Relativitätstheorie hat das starre Konzept einer gleichmäßig fließenden Zeit erschüttert. Damit stellt auch die moderne Physik den linearen Zeitablauf in Frage und nähert sich mystischen Vorstellungen von Zeit als subjektiver Erfahrung an.

Die Astrologie basiert ebenfalls auf einem zyklischen Zeitverständnis. Der Tierkreis mit seinen immer wiederkehrenden zwölf Zeichen ist die wichtigste Bezugsgröße. Er entspricht dem Sonnenjahr. Der größte Zyklus ist das platonische Jahr. Es umfasst einen Zeitraum von 25 729 Jahren (einer anderen Angabe zufolge 25 771 Jahre), in dem der Frühlingspunkt einmal durch den Tierkreis wandert.

Spezieller Urheberrechtsvermerk für diese Seite

Siehe auch

In anderen Sprachen